https://www.faz.net/-gzg-valf

Staatsorchester Mainz : Metamorphosen, Träume, kleine Fluchten

  • -Aktualisiert am

Generalmusikdirektorin Catherine Rückwardt führte durch ein anspruchsvolles Konzertprogramm Bild: F.A.Z. - Cornelia Sick

Wäre er nicht 1915 im Krieg gefallen, würde die Musikwelt Rudi Stephan als bedeutenden Komponisten verehren. Das Staatsorchester Mainz machte jetzt auf ihn aufmerksam.

          Der Gedanke an jäh beendete Karrieren, auf die die Musikwelt doch große Hoffnungen geknüpft hat, mag manchmal traurig stimmen. Wäre Ginette Neveu nicht, damals gerade 30 Jahre alt, bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen, hätte die Welt sie als eine der größten Geigenvirtuosinnen ihrer Zeit gefeiert. So bleibt von ihr kaum mehr als jener wundervolle NDR-Mitschnitt des Brahms-Violinkonzerts, der 1948 anlässlich ihres Auftritts organisiert wurde.

          Hätte Johannes Brahms nicht mit allen Mitteln das Fortkommen des genialen, doch depressiv unter Verfolgungswahn leidenden Jungkomponisten Hans Rott verhindert, müsste man heute nicht aus dem Wurf einer einzigen großen Sinfonie schließen, was die Musikwelt des frühen 20. Jahrhunderts an ihm hätte haben können. Und gäbe es keine Kriege, so wäre Rudi Stephan ganz sicher ein führender Komponist des 20. Jahrhunderts geworden. Daran jedenfalls mochte schon zu Stephans Lebzeiten niemand zweifeln.

          Die Musik „erträumt“ ihre Eigenständigkeit

          Doch dem 1887 in Worms geborenen Tonsetzer blieb jegliche künstlerische Entwicklung versagt: Er starb 1915 an der Front. Sein bis dahin produziertes Œuvre, das nicht nur seine unmittelbaren Anhänger für äußerst bemerkenswert einstuften, blieb viel zu schmal, als dass es die Musikentwicklung des anbrechenden Jahrhunderts hätte entscheidend beeinflussen können. Aber das Wenige, das existiert, könnte ja wenigstens heute im Konzertsaal einige Beachtung finden.

          Drei Jahre vor seinem Tod hatte Rudi Stephan eine „Musik für Orchester“ komponiert – ein in die Zukunft weisendes Werk, dessen sich die Mainzer Generalmusikdirektorin Catherine Rückwardt jetzt zum Saisonbeginn im dortigen Staatstheater annahm. Schon der Titel verweist auf die Überwindung traditioneller Formen, wie sie die Spätromantik noch geprägt hat. Stephans Werk ist eine Ausdrucksmusik von strengem Formgefühl und großer künstlerischer Eigenständigkeit, bei der das Material immer neuen Metamorphosen unterworfen wird. Sie fasziniert gleichermaßen durch Erfindungsreichtum und Formbeherrschung. Das Philharmonische Staatsorchester Mainz engagierte sich vorbildlich und führte das Stück zu einer grandiosen Schlusswirkung.

          Ein viel jüngeres, doch ungleich schaler wirkendes Stück schloss sich an. Martin Smolka konzentriert sich in seinem Orchesterwerk „Remix, Redream, Reflight“ auf typische Schlusswendungen klassisch-romantischer Komponisten, die – zunächst minimalartig organisiert – wie ein Feuerwerk abgebrannt werden. Durch allmähliche Veränderungen dieser Schlusswirkungen kommt die Musik in dem Maße in Fluss, in dem das recycelte Material seine Identität verliert: Die Musik „erträumt“ ihre Eigenständigkeit, zuckt schließlich gewissermaßen vor der Konsequenz zusammen und flüchtet in ihren Ausgangsstatus, ohne den ursprünglichen Charakter wieder vollständig anzunehmen.

          Interpretation von Bruckners Sechsten

          Eine Bogenform der Komposition bleibt dennoch erkennbar. Das klingt konzeptionell interessant, ist aber wenig originell, weil Smolkas allzu simpel gestricktem Kompositionsvorgang letztlich jedes Raffinement fehlt. Die Mainzer Musiker mühten sich dennoch, der Partitur interessante Aspekte abzugewinnen.

          Anton Bruckners Sinfonie Nr. 6 A-Dur bildete dazu einen nicht zu unterschätzenden Kontrast. Allerdings unterscheidet sich diese Sinfonie auch deutlich von ihren Schwesternwerken: Bruckners Bemerkung, seine Sechste sei die „Keckste“, zielte einst nicht nur auf das launige Wortspiel, meinte vielmehr die für seinen Stil erstaunlich alternative Konzeption. Es beginnt damit, dass diese Sechste keine Sinfonie der großen Finalwirkung ist, bei der Themen vorangegangener Sätze gebündelt und überlagert würden. Die A-Dur-Sinfonie enteilt im Finale, das eigentlich gar keines ist, gewissermaßen sich selbst, findet zu keiner Verdichtung. Der Kulminationspunkt liegt im ersten Satz, die Thematik entbehrt jeder mystischen Anverwandlung, wirkt kurz, knapp, „diesseitig“ prägnant, das Scherzo ungewohnt experimentell.

          In seiner letzten, wegweisenden Tonträgerproduktion hatte der Bruckner-Experte Eugen Jochum (in den siebziger Jahren) die Gesamtaufnahme der Sinfonien mit der Staatskapelle Dresden derart gestaltet, dass er für die Sechste eine grundlegend veränderte Interpretation erdachte. Auch Catherine Rückwardt verzichtete in Mainz auf das übliche Pathos, die klangintensiven, so lange wie möglich ausgehaltenen Bläserchöre, zugunsten einer rhythmisch pulsierenden, fast tänzerisch leichten Darbietung: Schon der Kopfsatz, in Bruckners eigener Schreibweise „Majestoso“ bezeichnet, legt ein erhebliches Tempo vor, das sich von Satz zu Satz – das Adagio natürlich ausgenommen – weiter steigert. Zum Saisonbeginn bedeutete dies für Catherine Rückwardt und ihr Orchester einen beeindruckenden Leistungsbeweis, der auch dokumentiert worden ist: Der SWR hat das Konzert mitgeschnitten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fed-Präsident Jerome Powell : Der Buhmann, der nicht golfen kann

          Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.