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Komponistin Catherine Milliken : Die Zuhörer gestalten mit

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Improvisationen von einem schönen Ort: Catherine Milliken, Komponistin und Gründungsmitglied des Ensemble Modern, in Frankfurt. Bild: Marie-Luise Kolb

Catherine Milliken hat in Night Shift das Publikum als ebenbürtigen Partner mitgedacht. Im Rahmen der cresc-Biennale für aktuelle Musik wird es im Offenbacher Capitol zu erleben sein.

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          „Komponieren ist ein Weg, wie man Menschen zusammenbringt“, definiert Catherine Milliken ihr Handwerk erfrischend unkonventionell. Die in Brisbane in Australien geborene, in Berlin lebende Oboistin und mehrfach preisgekrönte Komponistin hat viel Erfahrung darin, Menschen zu künstlerischem Schaffen zu ermutigen. So hat sie etwa schon mit jugendlichen Strafgefangenen und japanischen Flutopfern jeweils Musiktheaterstücke erarbeitet, in denen sie eine kreative Perspektive auf ihre Lebenssituation entwickeln konnten. Und von 2005 bis 2012 hat sie das „Education“- Programm der Berliner Philharmoniker geleitet.

          Jetzt wird im Februar im Rahmen der „cresc… -Biennale für aktuelle Musik“ ihr Stück „Night Shift“ von 2021 aufgeführt. Und darin sind die Zuhörenden als Mitwirkende gefragt. Der Kompositionsauftrag für „Night Shift“ ist Teil des internationalen Projekts „Connect – The Audience as Artist“, das seit einigen Jahren nach Wegen sucht, um „die vierte Wand“, jene zwischen Künstlern und Zuhörern, aufzuweichen. Musikalisch wird „Connect“ von der London Sinfonietta, dem Ensemble Asko Schönberg Den Haag, dem Remix Ensemble Casa da Música in Porto sowie dem Ensemble Modern getragen. Wobei die Beziehung zwischen Catherine Milliken und dem Ensemble Modern eine ganz besondere ist: Denn Milliken hat das Ensemble Modern 1980 mitbegründet. In einem seiner Räume in der Deutschen Ensem­ble Akademie erzählt sie nun von den Herausforderungen, vor die „Night Shift“ sie gestellt habe.

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          Laienchor als Vermittler

          „Ich wollte, dass wirklich alle im Raum, also Solisten, Ensemble und Zuhörer, ebenbürtig sind und ein sehr intensives musikalisches Erlebnis bekommen“, sagt sie. „Aber wie bindet man Zuhörer ein, sodass sie wirklich ein sehr ernsthafter, wichtiger Teil der Komposition sind? Wie schafft man es, dass sie sich nicht groß darauf vorbereiten müssen? Was für eine Struktur gibt man dem Abend? Und natürlich: Mit welcher Art Musik erreiche ich das?“ Diese Fragen habe sie sich gestellt und als Antwort zum Beispiel die Idee gehabt, jedem, der ins Konzert kommt, eine Tüte mit Materialien auszuhändigen, mit denen man Klänge machen kann. Wenn man selbst Klänge mache, höre man viel genauer auf die anderen. Das schaffe eine wunderschöne und intensive Atmosphäre.

          Zur Vermittlung zwischen den unvorbereiteten Konzertbesuchern und den professionellen Musikern kam ihr außerdem die Idee, einen Laienchor einzusetzen. Für die Offenbacher Aufführung bereitet sich „Der Chor Frankfurt“ in Workshops darauf vor. Solisten und Ensemble – in der Offenbacher Aufführung werden dies die Kontra-Altistin Helena Rasker, der Tenor Michael Schiefel und das Ensemble Modern sein – werden die Aktionen des Publikums „umgarnen“, wie Milliken es nennt.

          Das Stück behandelt „Themen, die heute relevant sind“ bei Shakespeare. „Im zweiten Akt von dessen ‚Sommernachtstraum‘ hält Titania ihrem Mann Oberon vor, er habe ansteckende Krankheiten, Fluten, Dürren, Feuer, Chaos der Jahreszeiten verursacht. „Damit listet sie auf, was auch heutzutage passiert. Haargenau. Dann gibt es im ‚Sommernachtstraum‘ das Spiel im Spiel, das Theaterstück der Handwerker. In ,Night Shift‘ sind wir alle solche Handwerker“, sagt Milliken: „In diesem Spiel im Spiel gibt es ‚die Wand‘, die die Liebenden trennt und schließlich verschwindet. Die habe ich zum Anlass genommen, um über Mauern nachzudenken“. „Der Chor Frankfurt“ hat dazu bereits ein paar Lieder geschaffen, etwa „Mauer im Kopf trennt Mensch von Mensch“.

          Musik als in Zeit entfaltete Architektur

          Das dritte Kapitel knüpfe an den Traum des Webers Zettel an, beschreibt die Komponistin: „Warum soll man nicht scheinbar unmögliche Träume träumen?“, fragt sie und spinnt den Gedanken im vierten Kapitel fort: „Wir lassen alle im Publikum sich einen wunderschönen Ort vorstellen und ihn auf einer Karte beschreiben. Über diese Karten werden Michael Schiefel und die EnsembleMusiker improvisieren.“ Der letzte Teil sei dann von Shakespeares Sonett 43 inspiriert. Darin gehe es um die Liebe, die man in der Abwesenheit vielleicht sogar noch klarer spüre als im Zusammensein. „Das ist in unserer Zeit, in der viele Menschen nicht zueinanderfinden, auch sehr relevant, finde ich.“

          Die Struktur des Abends war für Milliken eine besonders anspruchsvolle Aufgabe. Sie sollte für die unvorhersehbaren Impulse der Mitwirkenden offen sein und zugleich dem Ganzen die sprichwörtliche Form geben. Für Schopenhauer war Architektur „gefrorene Musik“, Milliken sieht Musik als in der Zeit entfaltete Architektur: Sie spiegele die Gedanken, deren Raum sie ist, und überforme sie zugleich. Der Goldene Schnitt spiele dabei eine Rolle, verrät Milliken, und auch andere Proportionsregeln, wie die 4-7-11-Regel. Auch Debussy und Bartók hätten deren Bedeutung in der Natur reflektiert und nach ihr komponiert.

          Im September wurde das Stück bereits in Berlin aufgeführt. Von „wunderschönen Momenten“ erzählt Milliken, zum Beispiel, als alle im Raum Geräusche mit Steinen gemacht haben. Die Aktionen von Musikern und Zuhörern gingen dabei zwanglos ineinander über, überlappten sich für ein Weilchen, und nach und nach hörte die eine Gruppe auf, um der anderen zuzuhören und umgekehrt. „So strömen die Energien von der Bühne in den Zuschauerraum und zurück, wie ein Meer“, beschreibt es Milliken. Dirigent Jonathan Stockhammer wird die Stärke der Wellen und Gezeiten mitbestimmen.

          „Am Anfang hatte ich viele Fragen und fand die Aufgabe sehr schwierig“, sagt Milliken über ihr Stück. Im Lauf der Zeit merkte sie aber: „Es ist zu machen, und man schafft sogar etwas ganz Neues, eine Art konzertante Installation, einen allgemein zugänglichen Hör-Raum, in dem alle so ebenbürtig sind, wie es nur geht.“

          Night Shift wird am Sonntag, 27. Februar, um 19 Uhr im Capitol Offenbach, Kaiserstraße 106, aufgeführt.

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