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Burghofspiele in Eltville : Streit und Pathos

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Zwischen Albereien und getragenen Versen: Stephanie Stumph hat es als Shakespeare's Julia bei den Festspielen in Eltville schwer Bild: dpa

„Smoke on the water“ trifft Shakespeare: Die „Romeo und Julia“-Version bei den Burghofspielen in Eltville schwankt zwischen Pathos, originellen Momenten und alberner Spielerei. Dabei ging es dieses Jahr in Eltville tatsächlich zu wie in Shakespeares Verona.

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          In Eltville geht es in diesem Jahr zu wie in Shakespeares Verona. Denn gleich den Montagues und Capulets sind aus den Stadtoberen und der Geschäftsführung der Burghofspiele zerstrittene Familien geworden. Das Kind der einen – die Burg – und das der anderen – die jährliche Eigenproduktion eines Schauspiels – dürfen nicht mehr zusammen sein.

          Im vergangenen Winter hatte man sich über schon lange im Raum stehende finanzielle Fragen nicht mehr einigen können. Die Stadt hatte das Festival zuletzt mit einem mittleren vierstelligen Eurobetrag bezuschusst und die Räumlichkeiten der Burg für Proben und Aufführungen unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Nun sollten die Veranstalter aber einen Beitrag von einem Euro pro Eintrittskarte zur Erhaltung der Burg erheben und zudem zugunsten eines städtischen auf ihren eigenen Caterer verzichten.

          Der Geschäftsführer der Burghofspiele, Bruno M. Brogsitter, wollte auf diese Forderungen jedoch nicht eingehen, schließlich sei die Stadt durch die Spiele „quasi zum Nulltarif“ Festspielstadt geworden. So kam es zur Trennung. Die Verantwortlichen der Burghofspiele tilgten das Wort „Eltville“ aus dem Namen des Festivals – erstaunlicherweise jedoch nicht das Wort „Burg“ – und zogen kurzerhand in den Langwerther Hof um, wo sie in diesem Jahr nach den Worten Brogsitters ohne städtische Unterstützung auskommen müssen.

          Neue Herausforderung für die Theatermacher

          Die neue Spielstätte, ein alter Weingutshof, liegt keinen Steinwurf von der Burg entfernt. Grün umrankte Türmchen und Torbögen gibt es auch hier, nebst altem Brunnen und musealer Weinpresse. Der Bühnenraum und die Ränge der Zuschauer sind dagegen frei zwischen hohen Bäumen aufgestellt und verfügen nicht über das umschließende Mauerwerk, das in der Burg für eine gewisse Enge, aber auch für Windschutz und ein natürliches Bühnenbild gesorgt hatte.

          Eine neue Herausforderung also für die Theatermacher, die mit ihrem Bühnenhintergrund gleich ein Fanal in Form eines eindrucksvollen Bildes setzen. Wie aus einem Kirchturm heraus blickt der Zuschauer über die große Glocke hinweg in gleißendes Sonnenlicht und wird so während der gesamten Vorstellung an das Ende der Liebenden erinnert, an Romeos Vision eines Triumph-Grabes für Julia in der lichtdurchfluteten Laterne einer Domkuppel oder an die schicksalbestimmende Kraft der Sterne, die über dem gesamten Drama schwebt.

          Julia fällt vom Sitzbrett

          Was so metaphysisch anhebt, findet auf der Bühne zunächst wenig Entsprechung. Regisseur Thomas Bading setzt zu Beginn auf die humorvollen und derben Elemente in Shakespeares Text. Die kalauernde Clownsprosa der Dienerschaft fasst er in einer Narrenfigur zusammen, die mit überdimensionaler Halskrause und ausladender Latzhose allerlei Slapstickeinlagen zum Besten gibt.

          Katrin Schwingels in bester Chaplin-Manier vorgetragenen Comedynummern mit einer Stehleiter, die sie wild um sich dreht, färben dabei auch auf die anderen Figuren ab. Die arme Julia fällt ein ums andere Mal vom wippenartig auf der Leiter plazierten Sitzbrett, wenn ihre wohlbeleibte Amme am anderen Ende aufspringt. Der frivole Mercutio läuft gegen alle möglichen auf der Bühne befindlichen Bretter und Pfosten, so er nicht gerade dabei ist, Romeo zwischen die Beine zu greifen, und Benvolio preist dem Publikum Montagues liebeskranken Sohn als Single zum späteren Kennenlernen am Sex- beziehungsweise Sektstand an.

          Schlauch, Gießkanne und „Smoke on the water“

          Doch die albernen Spielereien haben auch ihre originelle Seite. Den Maskenball entwirft Bading als heitere Kostümrevue. Vor allem adelige Gäste wie der zum grünen Froschwesen mit Schlauch und Gießkanne mutierte Graf Anselm sorgen bei „Smoke on the Water“-Rapmusik für Erheiterung. Sogar für manchen ernsten Effekt sind die schrägen Mittel gut. Das heulende Megafon, durch das Prinz Escalus seine Ermahnungen an die beiden Clans trötet, verfehlt nicht die bedrohliche Wirkung einer letzten Warnung. Und selbst die häufig durch den Raum geworfene Leiter, auf der sich Romeo und Julia im Anschluss an das Fest ihrer Liebelei hingeben, zeugt in der Gartenszene von der Fallhöhe ihrer beider Beziehung.

          Insgesamt jedoch wollen Spaß und Ernst nicht so recht zusammengehen. Vor allem Stephanie Stumph hat es als Julia schwer, zwischen den Albereien und ihren getragenen Versen hin und her zu wechseln, während Thomas Büchel als Mercutio und Sebastian Kaufmane als Benvolio gänzlich in ihrem Element scheinen. Umso erstaunlicher, dass mit der Peripetie des Dramas, dem Tod Tybalts und Mercutios, auch die Inszenierung umschwenkt. Die zweite Hälfte des Abends ist getragen vom Pathos des Todes und der unmöglich gewordenen Liebe. Emotionale musikalische Einlagen begleiten die entscheidenden Momente der Handlung. Über dem sterbenden Liebespaar erhebt sich Stings berühmtes Lied „Fragile“. Eine Mahnung an alle Streithähne, vielleicht auch an die Stadt Eltville und die Festspielleitung.

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