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Burgfestspiele Bad Vilbel : Chaos in Hollywood

Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Die Darsteller im Streit um das Drehbuch zu Margaret Mitchells Südstaaten-Bestseller. Bild: Eugen Sommer

Mit der Komödie „Mondlicht und Magnolien“ verwandeln die Burgfestspiele in Bad Vilbel eine Hollywoodsatire in eine überdrehte Groteske. Dabei wird die „Vom Winde verweht“-Adaption zu einem Schmachtfetzen.

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          Es war also doch ein Biber – jene einsame Nutria, die vorige Woche so gemächlich ihre Bahn durch den Wassergraben zog. Jetzt präsentierte Claus-Günther Kunzmann, Intendant der Burgfestspiele Bad Vilbel, vor der Aufführung einen angenagten Ast. Ja, das waren die typischen Fraßspuren eines Bibers. Der Intendant wusste nicht recht, ob er sich über den vierbeinigen Gast ebenso freuen sollte wie über seine zweibeinigen Besucher, die die Wasserburg wieder bis auf den letzten Platz der coronabedingt reduzierten Zuschauerreihen füllten. Die Komödie „Mondlicht und Magnolien“ von Ron Hutchinson zog vor allem Freunde der berühmten Verfilmung des Bestsellerromans „Vom Winde verweht“ an. 1939 eroberten Vivien Leigh und Clark Gable als Scarlett O’Hara und Rhett Butler die amerikanischen Kinos und ließen die Kassen klingeln. Erst vor kurzem ist mit Olivia de Havilland die letzte Hauptdarstellerin gestorben.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hutchinson, der irische Theaterautor, scheint dabei gewesen zu sein, als kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs der Produzent David Selznick Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um der Fron seines Schwiegervaters Louis Mayer zu entkommen. Im Juni 1936, einen Monat nachdem Margaret Mitchells Roman erschienen war, hatte er die Filmrechte für 50.000 Dollar gekauft. Das Casting zog sich mehr als zwei Jahre hin. In der Nacht des 15. Dezember 1938 ließ Selznick das Set von „King Kong“ anzünden: der Brand von Atlanta. Am 26. Januar 1939 begannen die Dreharbeiten unter George Cukor. Schon nach wenigen Tagen feuerte Selznick den Regisseur und engagierte Victor Fleming. Der aber wollte den neuen Drehbuchautor nicht. Ben Hecht war eine weitere Umbesetzung, einer von vielen Beteiligten, die sich am Script versuchten.

          Die Geister, die er rief

          Hier setzt Hutchinsons Komödie ein. Vor Selznicks Schreibtisch mit vier Telefonen treffen Hecht und Fleming aufeinander. Dorothea Mines hat die Vilbeler Bühne mit einer braunen Ledergarnitur ausgestattet, denn die Farbe Braun spielt hier eine Doppelrolle: Es handelt sich schließlich um einen anscheinend unprofitablen Bürgerkriegsfilm, wie Hecht sofort moniert, es geht also um die Versklavung der „Darkies“ (Mitchell) in den Südstaaten. Aber auch um den in Europa wütenden Hitler, dem Selznick vielleicht zum Opfer gefallen wäre. Aber auch in Kalifornien darf er als Jude nicht überall wohnen. Die Geister jedenfalls, die der Produzent gerufen hat oder von denen er sich umgeben sieht, sind braun, mal als Opfer, mal als Täter. Zwischen ihnen verliert er immer wieder die Nerven vor der nach wie vor leeren Leinwand, aber er gibt nicht auf: Steffen Weixler hält als flirrendes Nervenbündel die Kontrahenten beisammen.

          Denn für Chaos ist gesorgt: Der Drehbuchautor kennt den Roman nicht. Kein Wunder, dass Fleming nicht mit ihm zusammenarbeiten will. In fünf Tagen soll Hecht aus den mehr als tausend Buchseiten ein filmreifes Drehbuch machen. Dafür schließt Selznick sich mit ihm und Fleming ein und lässt sich von seiner Sekretärin Miss Poppenghul mit Bananen und Erdnüssen zur Nervenstärkung versorgen. Janice Rudelsberger ist aber mehr als eine Sekretärin. Sie tritt als Werbeikone der Selznick International Pictures auf, steppt auch mal im weißen Frack durch das Büro, wofür sie als Einzige Extra-Applaus kassiert, und geistert im King-Kong-Kostüm durch den Hintergrund. Vor ihr wälzen sich die Männer in Papierfetzen. Sebastian Zumpes gereizter Fleming spreizt sogar die Beine, um Melanies Baby zur Welt zu bringen, denn Selznick spielt jetzt gemeinsam mit ihm jede wichtige Roman-Szene vor, um dem verzweifelten Drehbuchautor eine Vorstellung von dem zu vermitteln, wofür er die Worte finden soll.

          Doch Hecht hat etwas mitgebracht, das in Hollywood nicht sein darf: ein Gewissen. Moral ja, aber gehört der Kampf gegen den Rassismus nicht auch dazu? Konkret: Darf Scarlett das Sklavenmädchen Prissy ohrfeigen? Darüber geraten die Männer in Streit bis hin zu einer angedeuteten Prügelei auf Corona-Distanz mit Taschentüchern, als sie die Szene durchspielen. Hier hat Regisseur Ulrich Cyran den Anschluss an die „Black-Lives-Matter“-Bewegung und die aktuelle Debatte über Alltags-Rassismus auch hierzulande gefunden. Immer wieder meldet sich der Schauspieler Hendrik Vogt als skrupulöser Drehbuchautor zu Wort und treibt Selznick, der sich auch als Jude nicht mit anderen Opfern solidarisieren will, fast in den Wahnsinn. Das Chaos ist perfekt und wird konterkariert von einem quietschenden Desinfektionsgerät, an dem sich die Schauspieler immer wieder bedienen.

          Cyran und die Seinen treiben die Hollywoodsatire in eine überdrehte Groteske. Dabei zeichnet Weixler den Produzenten als herrische Karikatur, mit geölter Frisur wie sein historisches Urbild und einem Investoren-Kampfgeist wie sein Traumfabrikant. Cyran hat die gefährliche Gratwanderung zwischen Opfern und Tätern nicht gescheut. Dafür gebührt ihm jenseits des verdienten Applauses Respekt. Auf der Burgbrücke wartete Kunzmann mit einer weiteren Überraschung auf. Der Intendant zeigte hinüber zum Ufer: „Da sitzt er, der Biber.“ Tatsächlich kauerte dort unter einem Busch ein Jungtier mit breiter Kelle und ließ sich ein paar Blätter schmecken. Der Kleine ließ sich auch nicht von zwei Frauen mit Handykamera stören, die direkt vor ihm hockten. Als ihm die dritte zu viel wurde, rutschte er einfach zurück ins Wasser.

          Die Komödie „Mondlicht und Magnolien“ ist vom 11. bis 15. sowie vom 24. bis 29. August von jeweils 20.15 Uhr an zu sehen.

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