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Burgfestspiele Bad Vilbel : Allein in Männerkleidern

Mit aller Macht: Szene mit Anna Gesewsky und Herbert Schöberl Bild: Eugen Sommer

Die Burgfestspiele in Bad Vilbel haben sich zur Nummer eins des hessischen Festspielsommers entwickelt: Sie eröffneten jetzt mit der Roman-Adaption „Die Päpstin“.

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          Es geht zu wie bei der Fifa am päpstlichen Hof zu Rom: Geldbeutel wandern von Hand zu Hand, denn der Ämterkauf ist üblich geworden. Die patrizische Mafia kannte schon im 9. Jahrhundert kein Pardon: Wer den Papstanwärtern unter den Kardinälen im Weg war, wurde gemeuchelt oder vergiftet. Irgendwo zwischen Leo IV. und Benedikt III. soll eine Frau den Stuhl Petri erklommen haben: Johannes Anglicus alias Johanna. Historisch belegt ist das nicht, aber die Legende, die im 13. Jahrhundert aufkam, als das mittelalterliche Papsttum auf dem Höhepunkt seiner Macht war, geht den Gemütern noch heute nahe.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Etwa als Bestseller-Roman „Die Päpstin“ von Donna Woolfolk Cross. Oder in der Wasserburg von Bad Vilbel, wo jetzt die 29. Burgfestspiele mit der gleichnamigen Bühnenadaption von Susanne Felicitas Wolf eröffnet wurden.

          Ironischer Dank an das Land Hessen

          Bad Vilbel hat es geschafft: Mit mehr als 100.000 Besuchern im vorigen Jahr haben die Burgfestspiele die Kollegen in Bad Hersfeld überholt und sind zur Nummer eins des hessischen Festspielsommers geworden. Und das obwohl die Wasserburg nur 700 Plätze hat, gut halb so viele wie die Stiftsruine von Hersfeld. Damit rangiert Bad Vilbel nach Wunsiedel auf Platz zwei der bundesweiten Festspiel-Rangliste.

          Kein Wunder, dass Bürgermeister Thomas Stöhr (CDU) sich freute und dem Land Hessen in seiner Eröffnungsrede ironisch dankte für die großzügigen 10.000 Euro, die es nun auch beisteuert – ein Bruchteil dessen, was Bad Hersfeld an Unterstützung erhält. Landtagspräsident Norbert Kartmann war als Schirmherr des Lobes voll für die Festspielstadt, die „nicht am Wiesbadener Tropf“ hänge.

          Aufwendige historische Kostüme

          Intendant Claus-Günther Kunzmann, der solche Rankings gar nicht schätzt, bietet ein Team aus 200 festen und freien Mitarbeitern nebst Gästen für sein diesjähriges Programm auf. Als Gast aus Hamburg hat Regisseurin Adelheid Müther die Bühnenadaption so inszeniert, dass man sich keine Sekunde langweilte. Das Mittelalter geht immer, wie man von den Dauerbrennern „Medicus“ und „Wanderhure“ weiß.

          Deshalb hat Marie-Therese Cramer das Ensemble in aufwendige historische Kostüme gesteckt, das Bühnenbild aber klösterlich, geradezu spartanisch einfach gehalten. Zwei Tische, ein Thron, eine tragbare Theke vor einem auberginefarbenen Hintergrundprospekt mit weißem Kreuz – mehr braucht es nicht, um die Geschichte einer lernbegierigen, willensstarken Frau zu erzählen, die von den Zeitläuften auf den Papstthron gehoben wird.

          Extra-Applaus für die Kinderdarsteller

          Zwischen 814, dem Todesjahr Karls des Großen, und 855, dem Todesjahr seines Enkels Lothar I., schickte es sich nicht für Mädchen, Lateinisch und Griechisch lesen und schreiben zu lernen. Jungschauspielerin Sophia Schmied macht auf anrührende Weise deutlich, wie schwer und gefährlich es war, sich über die abergläubische Dominanz frühmittelalterlicher Christenmänner im Frankenreich hinwegzusetzen.

          Derweil wird der junge Anastasius in der Parallelhandlung von klein auf für das päpstliche Amt dressiert – wenig zu tun für Teo Hoffmann an seinem Schreibpult. Extra-Applaus erhielten beide Kinderdarsteller für die sanfte Übergabe ihrer Rollen an die erwachsenen Kollegen auf offener Bühne. Fortan intrigiert Till Frühwald als fieser Purpurträger einer angesehenen römischen Familie gegen sämtliche Päpste, und Anna Gesewsky schlägt sich als genialer Heiler bis zum Vatikan durch.

          Frenetischer Jubel des Publikums

          Dabei ist ihr die Sympathie des Publikums sicher – bis hin zu Zwischenapplaus, der nicht ihrer künstlerischen Leistung galt, sondern dem sozialen Reformwillen der Päpstin. Allein in Männerkleidern kämpft Johanna – ganz modern – für die Rechte der Frau und der Armen: erst gegen den gewalttätigen Vater, dann unter der Fuchtel von Rabanus Maurus im Kloster zu Fulda, als Leibarzt der Päpste Sergius II. und Leo IV. und schließlich gegen Kaiser Lothar, der pikanterweise wie ihr Vater mit Lars Wellings besetzt ist.

          Dazwischen überlebt sie einen Normannenangriff und die Pest. Zuletzt sogar einen misslungenen Abtreibungsversuch. Denn Markgraf Gerold hat sie im Papstamt geschwängert. Als sich Schauspieler Simon Köslich tödlich verwundet am Boden wälzt, kommt die Päpstin mit einer Frühgeburt nieder und stirbt. Der Rest ist frenetischer Jubel des Publikums.

          Mit dem Musical „Singin’ in the Rain“ findet am 12. Juni um 20.15 Uhr die nächste Abendpremiere in der Wasserburg von Bad Vilbel statt.

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