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Burgfestspiele Bad Vilbel : Flagge zeigen in der Wasserburg

Burgherr: Intendant Claus-Günther Kunzmann und sein Team werden eine Kurzversion der Burgfestspiele aus dem Boden stampfen. Bild: Maximilian von Lachner

Erst abgesagt, jetzt doch am Start: Die Burgfestspiele Bad Vilbel stellen in vier Wochen ein coronataugliches Kurzfestival auf die Beine, und der Intendant hofft auf die nächste Saison.

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          Da sitzen sie: Kostümbildnerin, Gewandmeister, Techniker – alle vereint unter dem Ginkgobaum vor der Wasserburg. Nur nicht so nahe beieinander wie sonst, sondern durch je zwei Stühle getrennt. Das gehört zu den unabdingbaren Voraussetzungen der Theaterarbeit in Corona-Zeiten. Plötzlich steht der Chef auf der Matte. Claus-Günther Kunzmann, Intendant der Burgfestspiele Bad Vilbel, führt seine Gäste über den Wassergraben – hinein in das ehrwürdige Sandsteingemäuer.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf der Bühne ein roter Kran: Ein Techniker befestigt dort gerade die Beleuchtungskabel. Denn nun wird es, wenn auch anders als sonst, doch noch Theater in der Wasserburg geben – zwei Stücke vor wenig Publikum, wie es die Corona-Bedingungen vorschreiben. Die übliche überdachte Tribüne fehlt, nur wenige Reihen in ungewohnt breitem Abstand voneinander sind übrig geblieben. Beinahe niedlich mutet dieser Zuschauerraum für 206 Besucher an. Die Stühle stehen gruppiert: je zwei, drei und vier. Eine Komplettbestuhlung dieser Mini-Tribüne böte 403 Personen Raum. Aber so viele erlaubt das Land Hessen noch nicht.

          In seiner Eigenschaft als Vilbeler Fachbereichsleiter Kultur hat Kunzmann auch schon den „Hessentag“ nach dreijähriger Vorbereitung absagen müssen. Aber anscheinend hat er den Wahlspruch Scarlett O’Haras für sich übernommen: „Tomorrow ist another day“ – „Morgen ist ein anderer Tag“. Wohl nicht ganz zufällig plant Kunzmann „Mondlicht und Magnolien“ als zweite Premiere in dieser Torso-Saison: Am 1. August soll Regisseur Ulrich Cyran dem Publikum mit einer Vier-Personen-Komödie zeigen, wie es 1939 zu der legendären Hollywood-Verfilmung des Romans „Vom Winde verweht“ kam. „Da! Diese junge Frau dort wusste vor einer Woche noch nicht, dass sie jetzt zur Probe antreten muss“, sagt Kunzmann und zeigt hinüber zur Zehntscheune. Janice Rudelsberger wird die Sekretärin zwischen Regisseur, Drehbuchautor und Produzent hinter den Kulissen der Traumfabrik verkörpern.

          Komplikationen in der Maske

          „Die Menschen haben jetzt mehr als sonst den Wunsch nach guter Unterhaltung“, rechtfertigt Kunzmann seine beiden Premieren. Am 27. Juli öffnet die Wasserburg ihre Tore mit „Ladies Night – Ganz oder gar nicht“, einer Stripperkomödie aus England, die vor zwölf Jahren schon mal für Furore gesorgt hatte. Regisseur Christian Voss hat es nur mit vier Herren und einer Dame zu tun – mehr Schauspieler passen nicht auf die Bühne unter den derzeitigen Hygieneregeln. Zwar ist die Regel fünf Quadratmeter Raum je Person aufgehoben worden, aber noch immer würden drei Quadratmeter empfohlen, erläutert Kunzmann. „Der Abstand von 1,50 Metern bleibt, Familien brauchen keinen Abstand.“ Großfamilien im Ticketverkauf wären also jetzt die Rettung. Seit wenigen Tagen sind die 10.000 Tickets im Vorverkauf, für 50 Vorstellungen. „Sonst sind es 230“, sagt Kunzmann.

          Etwas mehr als 200 Zuschauer können bislang zu jeder Vorstellung kommen.

          Aber er seufzt nicht. Er kämpft. „Alles ist lösbar, aber komplex“, sagt er. Auf das Musiktheater musste er ganz verzichten, denn dabei hätten sich die Abstände für die Sänger vergrößert, weil beim Singen mehr Aerosole frei werden als beim Sprechen. Kompliziert werde es auch in der Maske. Sein Ziel: „Ein Betrieb, der sich den Normalbedingungen nähert.“ Es gilt, 200 Personen an den Gastronomie-Pavillons abstandsgerecht zu verteilen und auch im Burghof. Würden die Abstände unterschritten, gälte Maskenpflicht – wie beim Hineingehen grundsätzlich. Wer im Zuschauerraum sitzt, kann den Mund-Nasen-Schutz abnehmen, aber jedweder „Begegnungsverkehr“ unterliege der Maskenpflicht. Ein Ampelmännchen soll den Zugang zur Toilette regeln. „Und es wird tonnenweise desinfiziert. Hinterher wächst da kein Grashalm mehr“, so Kunzmann.

          Unterstützung aus der Politik benötigt

          Am 3. Juli haben die Proben für „Ladies Night“ begonnen. Nicht einmal vier Wochen also bleiben dem Regisseur und seinem Ensemble bis zur Premiere, bei „Mondlicht“ ein paar Tage mehr. Die Schauspieler standen parat, aus der Kurzarbeit heraus: Bereit sein ist alles, wie schon Hamlet sagte. Kunzmann aber ist vor allem stolz auf seine neue Regelung der Kurzarbeit, denn nicht alle der schon engagierten Darsteller können jetzt auch auf der Bühne stehen. „Wir stocken das Kurzarbeitergeld in diesem Jahr auf 80 Prozent auf, dafür sollen die Schauspieler im nächsten Jahr für 80 Prozent der für dieses Jahr vereinbarten Gagen arbeiten.“ Das bedeute für das Team zwei Saisons kalkulierbare Verträge und für ihn, dass er für 2021 gewappnet ist.

          Denn insgesamt sieht der Intendant „dunkle Wolken über den Kommunen“ heraufziehen. Zwar habe das Land Hessen eine Festivalförderung beschlossen, doch erhielten die Burgfestspiele nur die Hälfte des Geldes, weil sie von der Kommune, nicht privat veranstaltet würden. Und: „Die Kultur gehört zu den freiwilligen Leistungen einer Kommune.“ Es werde Löcher in den Haushalten geben, weil Steuern coronabedingt wegbrächen. Mit seiner 80-Prozent Regelung könne er also die Kosten für 2021 senken und die Debatte darüber abfedern. „Wie arbeiten wir im nächsten Jahr weiter? Diese Frage hat mich eine Reihe schlafloser Nächte gekostet“, gibt Kunzmann zu. „Was weg ist, ist weg.“ Das weiß er aus jahrelanger Erfahrung, dem will er entgegenwirken: „Entscheidend ist, spielen zu wollen.“ Natürlich wird er die Unterstützung der Politik brauchen.

          Binnen vier Wochen wird nun geprobt, gebaut und ein neues Konzept erstellt, am 26. Juli geht es los.

          „Wir sind da, wir zeigen Flagge.“ Dieses Signal ist wichtig für ihn. Zudem: „Bei aller Eile – wir arbeiten seriös und mit Qualität. Wir machen das nicht mit links.“ Und natürlich denkt er über den morgigen Tag hinaus: „Wir wollen neue Theaterwerkstätten bauen.“ Eine große Investition. In zwei Jahren sollen Schlosserei und Schreinerei nach Dortelweil umziehen. Danach will Kunzmann, 63 Jahre alt, die Zehntscheune sanieren. Er blickt guten Mutes in die wolkenverhangene Zukunft. Kunzmann hat noch was vor.

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