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Bundeswehr-Seelsorger : Theologe bei der Truppe

Seelsorge in der Truppe: Alexander Liermann ist Militärpfarrer. Bild: Krause, Astis

Militärpfarrer Liermann kümmert sich um 800 Soldaten in der Region. Zu ihm kommen Leute, die Sorgen haben oder Rat suchen. In Afghanistan waren seine Andachten besonders gefragt.

          Eine Waffe darf er nicht tragen, Befehle weder geben noch empfangen, und seine Flecktarn-Uniform heißt im Kirchenjargon Schutzkleidung. Er war monatelang in einem afghanischen Militärcamp stationiert, hat seit elf Jahren sein Büro in einer Mainzer Kaserne und ist trotzdem kein Teil der Truppe. Fehlt eigentlich nur noch, dass er im Dienst ein lilafarbenes Barett mit silbernem Kreuz trägt. Alexander Liermann lacht. Ein solches Barett wäre ein netter Versuch, die evangelische Kirche und die Bundeswehr in einer Kopfbedeckung zu vereinen.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Liermann, kurzes graues Haar, gestutzter Vollbart, Cordsakko mit Lederflicken, ist Militärpfarrer, einer von etwa 100 in der evangelischen Kirche in Deutschland. 2007 wurde er von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zur Bundeswehr entsandt, als Leiharbeiter sozusagen. Damals ahnte der politisch links stehende Theologe nicht, dass er bei der Bundeswehr seine Berufung finden würde.

          Manche Weggefährten verstehen das nicht. Eine alte Freundin aus gemeinsamen Kirchentagen zum Beispiel. Als Liermann von November 2017 bis März 2018 im Feldlager Camp Marmal nahe der afghanischen Stadt Mazar-i-Sharif stationiert war, schrieb sie ihm auf einmal keine Mails mehr. Er hakte nach. Daraufhin fragte ihn die Freundin erbost, ob er etwa vergessen habe, dass er als evangelischer Geistlicher in einem Kriegsgebiet arbeite? Es mache sie fassungslos, dass er andauernd davon schwärme, wie sehr ihn die Aufgabe bei den Soldaten erfülle.

          Eine Art Joker

          Liermanns Freude an der Arbeit liegt sicher daran, dass er sie für sinnvoll hält. Und daran, dass die Soldaten ihn schätzen. Der Dreiundfünfzigjährige, der in Wiesbaden lebt, will niemanden missionieren. Doch meist dauert es nicht lange, bis die Soldaten von sich aus zu ihm kommen. Weil sie merken, dass er ihnen zuhört. Weil sie spüren, dass ihnen ein Gespräch guttut. Und weil sie Liermann als eine Art Joker sehen. Als einen Mann, der sie unterstützt, wenn sie ein Problem haben, auch bei ihren Vorgesetzten.

          Neugierig waren die Soldaten von Anfang an. Liermanns Dienst bei der Bundeswehr sollte erst nur zwei Jahre dauern. Mittlerweile hat der Theologe die Ausleihe so oft verlängert, dass er nächstes Jahr die ultimative Zwölf-Jahres-Grenze erreicht hat. Entlohnt wird Liermann vom Bund, die Landeskirche hat sein Engagement in der Truppe aber immer wohlwollend begleitet. Nur ein paar radikalpazifistische Kirchenbewegte halten das, was er tut, für Sünde. Für sie ist alles Militärische des Teufels. „Ich bin links“, sagt Liermann, „aber ich bin kein Pazifist.“ Die Schulterklappe seiner Uniform ziert ein schwarzes Kreuz, im Halbkreis darunter steht „Domini sumus“–„Wir gehören dem Herrn“.

          Liermann ist Seelsorger für knapp 800 Soldaten im Rhein-Main-Gebiet. Sie verteilen sich auf viele kleine Standorte. Die mit etwa 300 Soldaten größte Gruppe findet sich in Mainz. Früher gab es in der Kurmainz-Kaserne auch ein katholisches Militärpfarramt, doch das wurde vor einiger Zeit aufgelöst. In einem alten Gebäude im ersten Stock hat Liermann sein Büro. An einer Wand hängt ein Kreuz aus zwei Ästen, verschnürt sind sie mit einer Kordel. In einem Schrank mit Glastür stehen Bücher, es gibt die Fächer „Friedensethik“, „Praktische Theologie“ und „Ethik allgemein“. Das umreißt seine Aufgaben recht präzise.

          Nicht einmal Vorurteile gegenüber Pfarrern

          Da ist zuerst einmal der lebenskundliche Unterricht. Alle drei Monate haben die Soldaten Anspruch darauf. Die Gruppen umfassen zwischen acht und 40 Teilnehmer. Liermann diskutiert dann Fragen wie „Was bedeuten Ehre und Tapferkeit?“, „Sind Fernbeziehungen nur schwierig?“ und „Was heißt nationale Identität“. Der Pfarrer ist zu religiöser Neutralität verpflichtet. Schließlich gibt es in der Truppe einige Muslime, aber auch etliche Atheisten. Das liegt an den vielen Soldaten aus Ostdeutschland, die öfter zur Bundeswehr gehen, weil sie in ihrer Heimat keine Jobs finden.

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