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Bühnenkünstler Ulrich Cyran : Hansdampf in allen Gassen

Den Bart hat er sich für eine Rolle stehenlassen: Ulrich Cyran im Foyer der Frankfurter Musikhochschule Bild: Wolfgang Eilmes

Regisseur, Schauspieler, Dozent: Ulrich Cyran zählt zu den umtriebigsten Bühnenkünstlern des Rhein-Main-Gebiets. Seit einigen Jahren inszeniert er viel bei den sommerlichen Festspielen der Region.

          Heute in der Wasserburg, morgen in Alzenau, nächste Woche in Brüssel, um zu drehen. Wer mit Ulrich Cyran spricht, dem schwirrt bald der Kopf vor lauter dramatischen Tatorten. „Ich habe auch mal in Costa Rica gespielt“, berichtet der Schauspieler und Regisseur, der sich für den anstehenden Roadmovie-Dreh einen Bart stehen lassen musste. „Nach zwei Wochen Urwald war meine Tierphobie weg.“ Eine Vogelspinne auf einer exotischen roten Blume sei nämlich schön.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jedenfalls kann man nur staunen ob der künstlerischen Umtriebigkeit, die Cyran an den Tag legt. Im Theaterkeller von Bad Vilbel sind derzeit seine beiden jüngsten Inszenierungen zu sehen: „Anne Frank“ mit Marlene-Sophie Hagen als neu besetzter Titelheldin und „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza. Vor kurzem wurde sein „Sommernachtstraum“ bei den Burgfestspielen in Alzenau gezeigt.

          „Eigentlich hatte ich gar keine Lust auf Anne Frank“, erinnert er sich. Das Tagebuch des jüdischen Mädchens erinnerte ihn an die Schule mit ihrer Pflichtlektüre. Und die Schule war ein rotes Tuch für ihn. Der 1956 im ostwestfälischen Erwitte geborene Cyran ist früh vor der Schule geflohen. Aber eine Freundin machte Theater bei einer Universitätsgruppe in Paderborn. Kaum hatte der junge Rebell in diesem Studiotheater vorgesprochen, spielte er auch schon den Woyzeck. Ansonsten hielt er sich mit diversen Jobs über Wasser. Eine ernsthafte Ausbildung zum Schauspieler begann er erst mit 25 Jahren an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg: „Ich kannte damals kein Stück, keine Rollen.“ Also sprach er Passagen aus dem „Woyzeck“ und dem „Nathan“, die er aus Paderborn kannte, und bestand mit ihnen die Aufnahmeprüfung.

          „Von ihm habe ich viel gelernt“

          Das Stadttheater Krefeld engagierte ihn für zwei Jahre, danach ging er in Neuss für drei Jahre unter Vertrag. Schon damals hatte er mit der Regie kokettiert. Vorläufig spielte er aber noch am Thalia Theater und am Schauspielhaus Hamburg, etwa in Dylan Thomas’ „Unter dem Milchwald“ unter der Regie von Michael Bogdanov oder in Pirandellos „Heinrich IV.“ unter der Regie von Augusto Fernandes. „Von ihm habe ich viel gelernt, vor allem die Improvisation“, erinnert Cyran sich und schwärmt von der Strasberg-Tradition: „Der Körper weiß immer alles vorher.“ Auch dieses moderne „Physiodrama“ bringt er heute seinen eigenen Schauspielschülern bei. Seit 1999 unterrichtet er an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, seit 2011 auch an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung. „Ich arbeite als Regisseur nicht mit Strukturen, sondern lieber instinktiv – ohne Regiebuch“, gesteht er.

          Auch ohne Konzeption? „Na ja“, sagt er, wenn man wie bei „Tschick“ aus einem Roman ein Stück für zwei Schauspieler schreibe, gebe man sich mit dem eigenen Text auch die Konzeption vor. Die Jugendgeschichte von Wolfgang Herrndorf hatte Cyran 2015 für den Theaterkeller in der Wasserburg von Bad Vilbel inszeniert. Über die eigene Bearbeitung von Texten fand er dann voriges Jahr auch zu Anne Frank. Als er sich in diesem Jahr mit Yasmina Rezas Komödie auseinandersetzte, fühlte er sich in der eigenen Kreativität schon wieder etwas beschnitten: „Der Gott des Gemetzels“ war halt schon ein fertiger Text. Immerhin fand der Regisseur in ihm die schleichende Verrohung unserer Gesellschaft abgebildet: „Je weniger man sich gehört fühlt, desto lauter schreit man.“

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