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Bücherschränke in Frankfurt : Tresore des Weltgeists

Mit Abstand und Handschuhen stöbern: Eine Frau am Bücherschrank am Frankfurter Merianplatz Bild: Frank Rumpenhorst

Die offenen Bücherschränke an den Straßen der Stadt bergen etliche Schätze. Manche sind so begehrt, dass Liebhaber für sie sogar handgreiflich werden. Ein Streifzug durch Frankfurt.

          3 Min.

          Man muss gar nicht tief graben und braucht keine Wünschelrute. Die besten Schätze liegen oder vielmehr stehen an der Straße. Frankfurts offene Bücherschränke sind Tresore des Weltgeists. Der erste Bücherhort wurde schon 2009 am Merianplatz eröffnet. Mittlerweile sind es mehr als 70 Tabernakel für die Diener verschriftlichter Weisheit und Narrheit.

          Claudia Schülke
          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch bei Wintertemperaturen lohnt es sich, etwa am Holzhausenpark stehen zu bleiben und in den Regalen hinter den gläsernen Türen zu stöbern: mit Maske und Abstand natürlich und Händewaschen danach. Nur nicht hochnäsig sein: Es ist nicht alles Ramsch, was da abgestellt wird. Zwischen 90 Prozent Trivial- und Fantasy-Romanen, Krimis und Ratgebern sind in diesem Bücherschrank immer wieder vergilbte und zerfledderte Kleinode zu entdecken: etwa das nachgelassene Werk Immanuel Kants von 1888. Wie kann man so etwas nur aus der Hand geben?

          Jüngerer Provenienz und noch wie neu war kürzlich ein Skript der Fern-Universität Hagen. „Alteuropäische Schriftkultur“ heißt der Kursus im Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften, der das phönikische Alphabet nebst einer Synopse über die Entwicklung der europäischen Schriftsprachen anbietet: über die archaische und klassische griechische Schrift bis zum etruskischen und lateinischen Alphabet.

          Hier kann man lernen, wie unser A im 10. Jahrhundert vor Christus aus dem Kopf eines sich wendenden Ochsen am Pflug entstanden ist, der als Modell dem Aleph den Namen gab, aus dem später, bei Homer, das Alpha wurde. Dass das Bet/Beta, unser B, einmal „Haus“ hieß und das Gimel/Gamma, unser G, auf den Höcker eines Kamels zurückgeht. Aus den Ländern des „fruchtbaren Halbmonds“ zwischen dem heutigen Irak und Kleinasien kam unsere Boden- und Schriftkultur.

          Versunken in die Piktogramme der Vorzeit, vergisst man glatt, dass auch andere Leute nach Büchern suchen oder ihre eigenen, ausgedienten in den Schrank stellen wollen. Dieser Bücherschrank jedenfalls wird bestückt von den vielen gebildeten Bewohnern des Holzhausenviertels und den benachbarten Diakonissen. Die jungen Eltern vom Spielplatz nebenan versorgen ihn mit Kinderbüchern, die griffbereit für die Kleinen im untersten Fach stehen.

          Darüber machen sich Kochbücher mit Spezialitäten aus aller Herren Ländern breit und verströmen einen gewissen Hautgout dekadenter Verwöhntheit. Nein danke, dann doch lieber Pellkartoffeln mit Quark. Die sind gesund und für Solo-Selbständige in Corona-Zeiten auch erschwinglich, weil sie keiner langen Zutatenliste bedürfen. Eine Krähe krächzt aus der Eiche über dem Schrank. Sie hat das vertraute Gesicht sogar hinter der Maske erkannt und verlangt ihre Ration.

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