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Bücher : Umschlagplatz

In der Sozialistischen Verlagsauslieferung ruht Geistesgut zwischen Paletten und Plastik Bild: F.A.Z. - Eilmes

Die Sozialistische Verlagsauslieferung Frankfurt ist ein Umschlagplatz für zahlreiche kleine Verlage, die hier ihre Buchproduktion lagern, bevor sie in die Buchläden gelangt.

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          Der Literaturbetrieb ist eine komplizierte Maschine mit vielen Rädchen, über die oft weder der Autor noch der Leser eines Buches so recht Bescheid wissen. Einer der Orte, an die man im Zusammenhang mit den Büchern, die man lesen will, am wenigsten denkt, ist der Ort, an dem sie nicht gelesen, sondern gelagert werden. Nachdem ein Schriftsteller seinen Text aus der Hand gegeben und der Verlag das Seinige zum Erfolg des neuen Titels beigesteuert hat, landet das Buch in der Druckerei. Dort wird es zwar zur transportierbaren Ware und erhält die Form, in der sein Käufer es erkennen und lieben soll, aber beim Leser angekommen ist es trotzdem noch immer nicht. Ehe die Buchhandlungen einen neuen Bestseller oder einen Klassiker von der Backlist anfordern, wartet das Buch auf seinen Auftritt. Es wird gelagert.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einer der Orte, an denen man Bücher fern von ihren Autoren und Lesern und in ihrem reinen Status als Ware beobachten kann, ist die Sozialistische Verlagsauslieferung in Frankfurt. In ihren weiträumigen Hallen an der Friesstraße lagern zahlreiche unabhängige und kleine Verlage aus ganz Deutschland die von ihnen produzierten Bücher, lassen sie verwalten und an die Buchhandlungen ausliefern. Das habe für diese oft sehr kleinen Häuser, deren Personal in der Regel nur aus dem Verleger besteht, ganz praktische Gründe, sagt Helmut Richter, der von Anfang an dabei war: „Sie wollen das Ganze einfach vom Hals haben.“

          Etwas Neues musste her

          Etwa 10.000 Titel, so Richter, betreut die Sozialistische Verlagsauslieferung heute: „Das ist die Zahl, auf die im Durchschnitt auch eine kleine Buchhandlung zurückgreift.“ In den zum Teil sechsstöckigen Hochregalen der Verlagsauslieferung lagern allerdings weitaus mehr als 10.000 Bücher. Ganze Paletten von Exemplaren der hier vertriebenen Einzeltitel harren, in Plastikfolie eingeschweißt, ihrer Bestellung, des Gabelstaplerumzugs ins Handlager und schließlich des Packtischs, auf dem sie ihre Reise in die Buchhandlungen antreten.

          Gegründet wurde die Sozialistische Verlagsauslieferung im Jahr 1971. Es war die Zeit, in der linke Verlage und Buchhandlungen in Frankfurt nur so aus dem Boden schossen: „Es gab immer Leute, die machten ein Buch und verkauften es am Mensatisch oder in der lokalen linken Buchhandlung.“ Einige der neuen Verlage arbeiteten mit Auslieferungen zusammen, die es schon vor der Studentenrevolution gegeben hatte. Trotzdem musste etwas Neues her: „Es sollte einen Vertrieb geben, der für einen Verlag alle Buchhandlungen in Deutschland belieferte, weil die sich dann merken konnten, das Buch muss ich da und da bestellen.“

          Mit drei Leuten in bewegteren Zeiten gegründet, sitzt die Sozialistische Verlagsauslieferung seit 1992 mit zehn Mitarbeitern im Industriegebiet zwischen Bornheim, Seckbach und Bergen-Enkheim: „Vorher mussten wir zweimal umziehen, weil wir zu klein wurden.“ Das fing früh an. Zu den linken Verlagen aus dem studentenbewegten Frankfurt der Anfangszeit kamen Verlage aus Frauenbewegung und Schwulenbewegung in ganz Westdeutschland hinzu. Einige Kunden aus diesem allgemeinen Aufbruch in die gesellschaftliche Emanzipation und Partizipation haben sich bis heute gehalten. Sie zählen noch immer zu den Kunden der Sozialistischen Verlagsauslieferung. Der „Verlag Neue Kritik“, bei dem Helmut Richter einst selbst angefangen hat, gehört zu ihnen, auch die „Frauenoffensive“ aus München, der erste feministische Verlag.

          „Wir haben einen echten Gemischtwarenladen“

          Unter den Häusern, für die die Sozialistische Verlagsauslieferung heute arbeitet, sind mittlerweile allerdings Verlage mit ganz unterschiedlichem Profil: „Wir haben inzwischen einen echten Gemischtwarenladen.“ Zu ihm zählen kleine unabhängige Häuser wie der Frankfurter „Axel Dielmann Verlag“ oder der ebenfalls in der Buchmessenstadt ansässige Verlag „MeterMorphosen“, der sich im sogenannten Non-Book-Geschäft in den vergangenen Jahren mit Ideen wie dem „Historischen Zollstock“ sehr erfolgreich etabliert hat.

          Im Januar vergangenen Jahres hinzugekommen ist der „Röschen Verlag“ des Frankfurter Krimischriftstellers Frank Demant. Der hatte seine Detektivromane zuvor als Taxifahrer nicht nur im Selbstverlag verlegt, sondern sie auch eigenhändig in die Buchhandlungen geschleppt. Mit steigenden Verkaufszahlen wurde ihm das zu viel. Für die Lagerhaltung und die Auslieferung seiner Werke brauchte er einen Partner: „Da hat er sich uns gesucht. Das hat seinen Umsatz heftig erhöht.“ Die Vorteile professioneller Lagerhaltung und Buchhaltung nutzen seit Jahren aber auch die „Hamburger Edition“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung und die „taz“, die ihren erfolgreichen „Atlas der Globalisierung“ über Frankfurt vertreibt. Auch wer zur Buchmessenzeit im Oktober den im „A1 Verlag“ erschienenen Roman „Gottes kleiner Krieger“ von Kiran Nagarkar bestellte, bekam ihn von der Sozialistischen Verlagsauslieferung. Und Buchhandlungen, die die Hölderlin-, Kleist- oder Günderrode-Ausgaben des Frankfurter „Stroemfeld Verlags“ ordern, erhalten ihre Ware ebenso in Paketen aus der Friesstraße wie Buchhändler, die für ihre Kunden „Lesen? Das geht ein, zwei Jahre gut, dann bist du süchtig“ bestellt haben, den bei der „Edition Tiamat“ erschienenen Karikaturenband von Greser & Lenz.

          Mit zahlreichen dieser Verlage hat die Sozialistische Verlagsauslieferung in letzter Zeit eine Idee entwickelt, die im von Übernahmeprozessen bestimmten Buchhandel und Verlagswesen zum Überleben der kleinen Unabhängigen beitragen soll: „Alle Buchhändler, die wenigstens einen der freien Vertreter unserer Verlage empfangen, bekommen einen über den normalerweise gewährten Buchhändlerrabatt von 30 Prozent hinausgehenden Reiserabatt von 40 Prozent.“ Damit bewegt sich die Verlagsauslieferung weg vom reinen Lagern und Liefern hin zu ersten Gehversuchen in Marketing und Vertrieb. Ob der Plan ihr und ihren Partnern nützen wird, ist noch nicht abzusehen. Aber mehr als 900 der zwischen 3000 und 4000 selbständigen deutschen Buchhandlungen haben im vergangenen Jahr mitgemacht. Helmut Richter ist überzeugt: „Die 950, die heute mitmachen, das sind die, die übrigbleiben.“ Ihr Sinn für die Ware Buch wird ihnen das Überleben genauso sichern wie der Sozialistischen Verlagsauslieferung.

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