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„Biennale des bewegten Bildes“ : Totales Eintauchen in fremde Welten

„Gymnasia“: Chris Lavis ist einer der Künstler, die zwischen Realität und Unwirklichkeit changierende Arbeit geschaffen haben Bild: Frank Röth

Die „Biennale des bewegten Bildes“ findet erstmals in Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse statt. Es geht um die Grenzen von Wirklichkeit und Fiktion. Und um deren Auflösung.

          2 Min.

          Trubel, Gedränge auf den Gängen, endlos auf den Besucher niederprasselnde Eindrücke, schmerzende Füße. Wer möchte da nicht abtauchen. Und wenn es in eine albtraumhafte Vorstellungswelt ist, die an frühe traumatische Erlebnisse in der Schule erinnern, wenn man im Sportunterricht den Ball nicht fangen konnte oder auf der Bühne in der Aula ein Lied zu Klavierbegleitung vortragen musste. Aber egal, wenn es einem gelungen ist, einen der Sitze und eine der Virtual-Reality-Brillen zu ergattern, kann man für ein paar Minuten abdriften in eine andere Dimension, und allein die hyperrealistische, wenn auch düster, heruntergekommen und wie vor langer Zeit verlassen wirkende Szenerie ist so faszinierend, dass man die Buchmesse gerne eine Weile lang hinter sich lässt.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          „Gymnasia“ heißt die Arbeit von Chris Lavis und Maciek Szczerbowski, realisiert vom Montrealer Studio Felix & Paul. Zu ihr gehört auch ein nichtvirtueller Teil, eine Performance mit einer großköpfigen Puppe, die aussieht wie der kleine, ebenfalls artifiziell auf seinem Sessel sitzende Junge aus dem dreidimensionalen 360-Grad-Video.

          Computeranimierte Bilder und §D-Technik

          Dieses Werk fragt wie viele andere auf der „B3 Biennale des bewegten Bilds“ nach Realität und Fiktion. Die Grenzen verschwimmen und verschieben sich, eigene Erinnerungen werden aufgerufen und vermischen sich mit fremden Erfahrungen. Dabei greifen die Künstler auf das traditionelle Verfahren der Stop-Motion-Filme zurück, verbinden es jedoch mit computeranimierten Bildern und der 360 Grad umfassenden 3D-Technik. Es handelt sich um die erste Arbeit, die all dies kombiniert.

          Eine Premiere ist diese Biennale auch als Ganzes. Künftig freilich soll sie gar nicht mehr nur alle zwei Jahre stattfinden, sondern jedes Jahr als Teil der Buchmesse ein Bestandteil der größten Weltmedienschau sein. Aber der Namen ist eingeführt. Und so bleibt er zumindest in diesem Jahr noch bestehen. In der Halle 4.1 präsentiert die B3 ihre Leitschau unter dem Motto „Realities“ in unmittelbarer Nachbarschaft zu „TheArts+“, der von der Buchmesse initiierten Erweiterung und Ergänzung des längst nicht mehr nur auf Bücher spezialisierten Großereignisses um zeitgenössische Bildfindungen und -erfindungen. Dabei läuft manches parallel zur Biennale des bewegten Bilds, die ihre Basis in der Offenbacher Hochschule für Gestaltung hat.

          Deren Präsident Bernd Kracke hat seit langem ein Faible für künstlerische Positionen, die sich mit der Weiterentwicklung der Fotografie, des Films, der Video-Art, der computergenerierten Welten befassen. Fast schon historisch wirkende Video-Installationen stehen neben experimentellen Arbeiten, die mit digitalen Mitteln die Zukunft nicht nur der Kunst und des bewegten Bildes, sondern auch der Gesellschaft und der Ökosysteme vor Augen und Ohren führen.

          Londoner Bewegtbildkunst

          Besonders bewegend, weil es uns mit unser aller Schicksal konfrontiert, ist Nico Webers Fünf-Kanal-Filminstallation „Five Meditations on Death“, die von der härtesten aller Realitäten handelt, dem Tod. Bilder von einer Obduktion stehen im Mittelpunkt, aber es geht weniger um die Erzählung, wie mit Leichen umgegangen wird, als um die Frage nach der Präsenz des Körperlichen, wenn die Lebensfunktionen beendet sind. Dass „total immersion“ nicht immer einer VR-Brille bedarf, sondern auch auf gleichsam analoge Weise hergestellt werden kann, wird in dieser Ausstellung auch sichtbar. Dabei erfahren herkömmliche ästhetische Verfahrensweisen wie etwa die Malerei eine Erweiterung hin zum Räumlichen.

          Was einen Besuch der Halle besonders attraktiv macht, ist das Filmangebot, das außergewöhnliche Leinwandwerke zeigt, die es kaum in kommerzielle Kinos schaffen werden, darunter abendfüllende Spielfilme. Der B3-Partner „Film London“ präsentiert eine Auswahl von Bewegtbildkunst aus der britischen Hauptstadt, wo sich in dieser Hinsicht viel tut. Ein Gegenprogramm gegen den Brexit, wie Bernd Kracke meint: Man wolle Brücken schlagen, statt sie abzubrechen. Die Kunst, das scheint gewiss, ist und bleibt international und über alle Grenzen hinweg vernetzt.

          Die Leitausstellung und ein umfassendes Filmprogramm sind in Halle 4.1 zu sehen.

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