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Buchmesse : Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Peter Esterhazy verliehen

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Peter Esterházy Bild: dpa

Die Paulskirche war überfüllt, als am Sonntag vormittag der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Peter Esterhazy verliehen wurde. Die illustren Gäste, darunter Bundespräsident Horst Köhler, Bundestagspräsident ...

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          Die Paulskirche war überfüllt, als am Sonntag vormittag der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Peter Esterhazy verliehen wurde. Die illustren Gäste, darunter Bundespräsident Horst Köhler, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) und Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos), erlebten einen Festakt, der im Vergleich zu ähnlichen Veranstaltungen ungemein kurzweilig geriet. Die launige Laudatio von Michael Naumann, Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit", und die assoziationsreiche Dankesrede des Geehrten changierten zwischen Ernst und Unernst, dem großen Ganzen und dem witzigen Detail, den bitteren Themen der jüngsten Vergangenheit und ihrer ironischen Brechung. Sogar ein Kochrezept war Teil der Ausführungen Esterhazys, der mit seinem Familienepos "Harmonia Caelestis" auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt geworden ist. Dabei berief er sich auf den Frankfurter Spitzenkoch Klaus Trebes. Von einer Lammkeule war die Rede. Weil er, wie der Schriftsteller aus uraltem mitteleuropäischem Adelsgeschlecht zuvor erläutert hatte, das Wort "Keule" in seinen Ausführungen unbedingt habe unterbringen wollen.

          "Wovon ist hier die Rede? Ich lasse mich durch die Wörter vorantreiben", erläuterte Esterhazy seine Methode, einen Vortrag zu verfertigen. Eine Tante habe ihm einmal gesagt, sie lese keine Bücher, die man zusammenfassen könne. "Und ich, ich möchte keine solchen Bücher schreiben. Und keine solchen Reden halten." So kam der Preisträger auf Ernst Jandls "Ottos Mops" zu sprechen, auf das Selbstmitleid der Ungarn, auf den Unernst, der einer Diktatur angemessen sei, und auf die Diktatur des Unernsts, wie sie auch im heutigen Ungarn alles mit einem ironischen Vorzeichen versehe.

          Unmißverständlich skizzierte Esterhazy seine Ansicht, Literatur sei nicht unmittelbar dafür zu benutzen, Brücken zwischen

          Kulturen und Völkern zu bauen - "als würden zwei Völker, die auf den Bücherregalen dieselben Bücher haben, einander nicht umbringen". Wer lese, sei nicht unbedingt ein guter Mensch, von dem, der schreibe, ganz zu schweigen. "Die Sprache der Literatur ist nicht die der Verständigung, sondern die des Schöpferischen. Aus nichts etwas machen - das ist nichts für Gentlemen." Literatur sei kein Haustier; sie werde nicht für Literaturpreise geschaffen. "Die Literatur ist kein Botschafter des Friedens. Sollte der Botschafter überhaupt jemandem gehören, dann der Freiheit. Die Freiheit aber will mal den Frieden, mal den Krieg."

          Michael Naumann, früherer Kulturstaatsminister, hatte in seiner Ansprache Peter Esterhazys vollständigen Namen kundgetan: Peter Graf Esterhazy, Freiherr von Galantha, Erbgraf zu Forchtenstein, Herr auf Czakvar und Gesztes. "Das darf in diesem Tempel des deutschen Republikanismus ja noch ausgesprochen werden." Auch Naumann verwahrte sich gegen die Vorstellung von Literatur als einem Instrument, das Gute in der Welt zu befördern. Den Friedenspreis habe er nicht verdient, wandte sich der Laudator an den Ungarn: "Sie sind ein schrecklicher Unruhestifter. Ihre komödiantische Ruhelosigkeit irritiert den Leser. Außerdem sind Sie ein Sprengmeister aller Vergangenheitsformen. Ein Friedensstifter sind Sie nicht. Gott sei Dank." Politischer Autor habe Esterhazy nie sein wollen. "Aber Ihre Texte haben Ihnen nicht gehorcht. Und insofern haben Sie den Preis doch verdient: so wie jene, die Ihnen hier vorangingen, zum Beispiel Manes Sperber, Leszek Kolakowski oder Vaclav Havel."

          Naumann schilderte, wie Esterhazy nach neun Jahren Arbeit an seiner großen, verwickelten Familiensaga das Werk abgeschlossen hatte und kurze Zeit später erfahren mußte, daß sein Erzeuger jahrzehntelang Spitzel des ungarischen Geheimdienstes war. Das Bild des von den Kommunisten bedrängten Vaters habe der Autor in einem schmerzhaften Prozeß korrigiert, herausgekommen sei die "Verbesserte Ausgabe", Korrekturen an "Harmonia Caelestis" und dem dort gemalten Vaterbild.

          Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sprach mit Blick auf Esterhazys literarische Arbeit unter kommunistischer Herrschaft von einer "Unbeugsamkeit, die Zeichen setzt, Hoffnung stiftet und Phantasien entzündet". Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) nannte die Friedenspreisverleihung einen "außergewöhnlichen, ja: außerordentlichen Abschluß der Buchmesse": "So unterschiedlich, eigenwillig die Preisträger waren, so unvergleichlich ihre Werke sind, eines verbindet sie wohl doch: der Wille zur Freiheit, die Verteidigung des freien, unzensierten, allgemein zugänglichen Worts." MICHAEL HIERHOLZER

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