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Melusine Huss : Elementargeist der Literatur

Unter Freunden: Melusine Huss (vorne rechts) am 25. August1983 bei der Eröffnung der Huss’schen Universitätsbuchhandlung Bild: Ullstein

„Melusine Huss“, den Namen gab sich Frankfurts legendäre Buchhändlerin einst selbst, galt als Kulturinstitution in Frankfurt. Vor 100 Jahren wurde sie geboren.

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          Noch nie hat der Frankfurter Hauptfriedhof so uferlos gewirkt. Östlich der Eckenheimer Mauer stehen die Grabsteine wie Inseln in der Ägäis. So muss Odysseus zumute gewesen ein. Wo ist das Grab von Hertha Hussendörfer im Gewann F, und warum sind die Gräber nicht besser markiert? Weit hinten, im Grenzland zu G, stößt die Nachgeborene auf die 31 Jahre alte Grabstelle.Gelbe Lindenblätter bedecken sie, eine niedrige Hecke mit winzigen roten Beeren umfriedet sie. Aber der graue Granit, unter dem eine rote Rose ihren Blütenkopf neigt, gibt keine Auskunft darüber, ob diese Hertha sich mit oder ohne h schreibt. „Melusine Huss“ ist hier zu lesen – der Name, den sich Frankfurts legendäre Buchhändlerin selbst gab. Vor zwei Jahren sollte die Grabstelle aufgelöst werden, aber Ulrike Schiedermair, unermüdlich umtriebige Förderin der Frankfurter Kulturszene, hat sie verlängert und pflegt das Grab weiter.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Melusine – da kommen Assoziationen auf: Mörikes „Schöne Lau“ und Goethes „Neue Melusine“. War Hertha Hussendörfer, geboren 1920 im fränkischen Hagenbüschel, eine Nixe, die begeisterte Studenten wie den späteren Anglistikprofessor Klaus Reichert und aufstrebende Professoren wie den Philosophen Jürgen Habermas und den Rechtshistoriker Michael Stolleis an sich fesselte? „Nein, sie war keine Zauberin,“ entgegnet Rechtsanwalt Rüdiger Volhard empört: „Sie war eine Altruistin.“

          Er muss es wissen, denn er hatte ihr 1983 den Raum für die Huss’sche Universitätsbuchhandlung in seinem Haus Kiesstraße 20 zur Verfügung gestellt. „Sie lebte für ihre Freunde“, erinnert sich Gisela Brackert, Wohnungsnachbarin in der Hans-Sachs-Straße 1. Dieses Haus gehörte dem 2009 gestorbenen Rechtsanwalt Manfred Schiedermair, der unter ihr wohnte. Die Schiedermairs haben sich durch Melusine Huss kennengelernt.

          „Die Uni-Buchhandlung war ihr Fischernetz“, sagt Brackert. Also doch ein Elementarwesen? Vielleicht im Sinne des literarischen Elements? Der Kunsttheoretiker Bazon Brock, Professor für Ästhetik und von 1961 bis 1976 Huss’ Lebensgefährte, weiß es genau: „Sie hat Fontane geliebt. Sie kannte ihn in- und auswendig.“ Also hatte sie sich die Melusine aus dem Roman „Der Stechlin“ zur Namenspatronin gewählt und damit auch Fontanes „so recht aus dem Herzen kommende Humanität“.

          „Auf junge Frauen war sie gelegentlich eifersüchtig“

          Stolleis spricht von „ihrer enormen Zugewandtheit“. Brackert ist ihr noch heute dankbar: „Sie war so aufmerksam und hilfsbereit, wenn jemand in einer Lebenskrise war.“ Dabei denkt sie an ihre Scheidung und wie „die Huss“ an Silvester kurzerhand mit ihr nach Brüssel fuhr. „Auf junge Frauen war sie gelegentlich eifersüchtig“, erinnert sich Ulrike Schiedermair. Und Eva Demski sagt: „Wir haben uns auf friedliche Weise nicht verstanden.“

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          Fast 70 Jahre es ist her, dass Huss nach einer Buchhändlerlehre in Nürnberg 1951 nach Frankfurt kam. In der Naacherschen Buchhandlung kam sie unter, übernahm später die Geschäftsführung der Bockenheimer Bücherwarte und machte aus ihr eine Institution, in der sich Frankfurts Intellektuelle die Klinke in die Hand gaben. Stolleis lernte die Bücherwarte 1974/75 als „eine Art Baracke vor der Universitätsbibliothek“ kennen. „Da ging man halt hin“, erinnert sich Reichert, der 1960/61 nach Frankfurt kam: „Um 18 Uhr wurde der Laden geschlossen. Danach brauchte man nur zu klopfen und wurde reingelassen.“ Wenn man zum Freundeskreis gehörte. „Zuerst wurde man gefragt: Was möchten Sie trinken?“ Wer neu nach Frankfurt gekommen sei, so Reichert, „wurde einer Art Prüfung unterzogen, nach dem Motto: Den wollen wir uns mal ansehen“.

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