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Bryan Adams : Zimmerservice statt Sex & Drugs & Rock´n´Roll

  • Aktualisiert am

Auch mit 45 noch jugendlich-dynamisch: Bryan Adams Bild: AP

Mit einer überraschenden wie schonungslos offenen Beichte eröffnete Bryan Adams sein Konzert vor 13.000 Fans in der Frankfurter Festhalle.

          2 Min.

          Jahrzehntelang glaubten wir zu wissen, daß so ein weltweit populärer Musikus getreu dem flotten Motto Sex, Drogen und Rock'n'Roll einen allzeit unterhaltsamen Luxusurlaub auf der ewigen Überholspur lebt - und dann ist es doch nur der Zimmerservice, der beim völlig vereinsamten Künstler an die Tür der Edelsuite in der Nobelherberge klopft. Mit dieser überraschenden wie schonungslos offenen Beichte aus dem intimen Tournee-Tagebuch eröffnet Bryan Adams sein knapp zweistündiges Gastspiel vor etwa 13000 Fans in der Frankfurter Festhalle.

          Die provokant gereimte Rock-'n'-Roll-Antithese "Room Service", Titelsong des aktuellen Albums, riecht trotz harter Akkorde ein wenig nach selbstmitleidiger Midlife-Crisis. Doch der für seine 45 Lenze noch immer erstaunlich jugendlich wie ein College-Absolvent wirkende Kanadier in dunkelblauen Jeans, schwarzem engen T-Shirt und frisch gewienerten Lederstiefeln ist routinierter Profi genug, um seine Anhänger nicht mit weiteren schmachvollen Details aus dem ach so lieblosen Rock-'n'-Roll-Dasein zu langweilen. Statt dessen greift er mit seinen vier langjährigen Begleitmusikern, allen voran der auf seinem Instrument brillierende Sologitarrist Keith Scott, vornehmlich in jenes gigantische Archiv, in dem der singende Komponist seine zahllosen Hits und Ohrwürmer aus zweieinhalb Jahrzehnten lagert.

          Daß er als Weltstar und Mensch nie die Bodenhaftung zu verlieren gedenkt, ist wesentlicher Eckpfeiler seiner Lebensphilosphie. Im Gegensatz zu vielen seiner Künstlerkollegen bleibt bei "Bryan Adams" die Bühne frei von überflüssigem Showgerümpel - seine Anwesenheit, seine Präsenz reichen allemal dafür aus, die harten Bohlen mit Leben zu füllen. Dafür ist er ständig in Bewegung, marschiert von einer Ecke in die andere, wechselt von einem Gitarrenmodell zum nächsten, bläst auch mal eine Mundharmonika, was geradezu symbolisch seine Rastlosigkeit bezeugt, mit der er den Kontakt zu seinen Fans und zur Realität sucht.

          ...und mit Spaß in der Festhalle

          Adams' Aura ist nicht wirklich eine messianische oder gar von satanischer Natur wie etwa die eines Mick Jaggers oder Marilyn Manson, sondern gebündelte Normalität, die ihn durchaus mit einem Publikumsfavoriten wie Phil Collins gleichsetzt. Musikalisch sowieso. Gefälligkeit gilt bei "Bryan Adams" als oberstes Prinzip. Hat er sich erst einmal warm gespielt, dann wird aus dem einstmals pickligen Provinzmusiker jener übermütige Kindskopf, den alle so sehr lieben. Der zu rauhen Gitarren-Riffs mit ebenso rauhen Stimmbändern den Willen zur ewigen Jugend in "18 Till I Die" manifestiert. Der Wahl-Londoner will seinen Fans Unschuld und Aufruhr der Jugend zurückgeben - und der Refrain wird tausendfach zurückskandiert.

          Die mitunter allzu glatten Arrangements handwerklich ausgezeichneter Klassiker wie "Summer Of 69", "Cuts Like A Knife", "Let's Make Night To Remember", "Heaven" oder ("Everything I Do) I Do It For You" wollen eigentlich nicht so recht zum rustikalen Image des passionierten Hobbyfotografen passen - doch an der Authenzität seiner Spielfreudigkeit läßt er keinerlei Zweifel aufkommen. Dafür präsentiert sich der notorische Kumpeltyp als freundlicher Kommunikator seiner treuen Anhänger, holt sich gar eine junge Dame aus dem Publikum zum spontanen Duett auf die Bühne - und siehe da, die Installateurin aus Hattersheim absolviert ihren Gesangspart in "Baby, When You're Gone" und auch den lasziven Tanz mit dem heimlichen Ex-Geliebten von Lady Diana durchaus respektabel.

          Der künstlerische Höhepunkt muß indes bis zum Finale warten. Nachdem der Applaus auch nach drei Zugaben nicht enden will, er sogar Tuchfühlung mit den ersten Zuschauerreihen aufgenommen hat, läßt Adams sein Ensemble einfach hinter der Bühne. Im Schweiße seines Angesichts spielt er sich auf Akustikgitarre und Mundharmonika traumwandlerisch durch vier weitere Songs, darunter "Straight From The Heart", "All For Love" und noch einmal "Room Service" - und das ist nun eindeutig der wohligste Zimmerservice, den ein Hotel einem Gast offerieren kann. MICHAEL KÖHLER

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