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Brüder-Grimm-Festspiele : Wie eine Sage zum Märchen wird

Und dann doch das Happy End: „Der Rattenfänger von Hameln“ bei den Brüder-Grimm-Festspielen Bild: Sandra Schildwächter

Die bekannte Geschichte „Der Rattenfänger von Hameln“ wird bei den Brüder-Grimm-Festspielen in Hanau aufgeführt. Die Bühnenversion der Sage hat ein überraschend glückliches Ende.

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          Bestrafen will der Flötenspieler im bunten Gauklergewand die Menschen von Hameln. Bestrafen für all das, was sie und die Obrigkeit ihm angetan haben. Betrogen hatten sie ihn einst und ihm das Liebste genommen, was er hatte, seine Margarete. Auf dem Friedhof, an ihrem Grabstein, verkündet der Rattenfänger von Hameln dramatisch seine Rache. Die Ratten will er aus ihren Löchern locken, vor allem aber die, die sich hinter ihrem Amt und ihrer zur Schau getragenen Würde verstecken und die dem einstigen „Teufelspfeifer“ übel mitgespielt hatten.

          Luise Glaser-Lotz
          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Mit dem „Rattenfänger von Hameln“ wagen sich die Brüder-Grimm-Festspiele erstmals an die Präsentation einer Sage. Jacob und Wilhelm Grimm ging es in erster Linie darum, das mündlich überlieferte Volksgut für die Nachwelt festzuhalten. Dazu zählten nicht nur die Märchen, sondern auch die Sagen, von denen sie, aber auch ihr Bruder Ferdinand, viele zusammentrugen und aufschrieben. Die Geschichte vom Rattenfänger, der im dreizehnten Jahrhundert von den Hamelern um seinen Lohn für das Vertreiben der Ratten aus der Stadt geprellt wird und deshalb die Kinder der Stadt entführt, ist die vielleicht bekannteste deutsche Sage.

          Anders als ein Märchen hat eine Sage in der Regel einen wahren Kern und findet oft kein glückliches Ende. Das ist auch bei der Geschichte aus Hameln der Fall. Das Verschwinden von rund 130 Kindern im Jahr 1284 ist in den Annalen der Stadt vermerkt. Forscher kamen zu dem Schluss, dass es sich dabei vermutlich nicht um Kinder handelte, sondern um junge Leute, die gemeinsam der Stadt den Rücken kehrten, um anderswo, etwa als Siedler im Osten, ihr Glück zu machen.

          Happy End für die Bühnenversion

          Ein solcher Stoff ist ernst und schwer. Vor allem das traurige Ende passt nicht zu den Festspielen, deren Stücke stets ein Happy End finden. So ist es schließlich auch bei der Inszenierung der Rattenfängersage, die am Donnerstag Premiere hatte. Am Ende ist alles gut. Der Rattenfänger findet seinen leiblichen Sohn in Hameln, fast wie in einer Telenovela im Fernsehen. Er verzeiht den Bürgern und dem Führungsclan, zumal sein Hauptfeind, Graf von Spiegelberg, über alle Berge verschwindet. Vor allem aber sind die verlorenen Kinder wieder da.

          Doch kein Rächer: der Rattenfänger im bunten Gewand
          Doch kein Rächer: der Rattenfänger im bunten Gewand : Bild: Sandra Schildwächter

          Das ist der Trick von Autor Stephan Lack und Regisseur François Camus: Sie funktionieren die Sage einfach in ein Märchen um, in dem die Bösen bestraft werden, der Held der Geschichte eine innere Läuterung erfährt und in der es zudem Geistergestalten gibt wie das Gespenst von Margarete, die den Rattenfänger immer wieder auf die richtige Spur bringt. Um diesen Kern bewegen sich weitere, der Handlung hinzugefügte Gestalten wie der fiese Graf von Spiegelberg, sein vermeintlicher Sohn Albrecht, der Bürgermeister, seine Gattin und Tochter Marie, die als Stadtschreiberin durch die Geschichte führt, sowie die Bäckermeisterin Anne, eine muntere Person, die aber durch die Schuld, die sie einst auf sich lud, belastet ist. Die Schwierigkeit, eine große Kinderschar und eine Horde von Ratten auf die Bühne zu bringen, wird locker umschifft. Das Publikum verkörpert die Kinderschar und bis auf ein paar Stoffratten sind die tierischen Plagegeister nur aus der Reaktion der Mimen zu erahnen.

          Ein überzeugender Rattenfänger

          Mit Dieter Gring und Helmut Potthoff stehen zwei Charakterdarsteller auf der Freilichtbühne des Amphitheaters. Sie vor allem verleihen der Inszenierung Tiefe und Qualität. Potthoff stellt den trickreichen fahrenden Quacksalber Abakus dar. Dieser bietet zweifelhafte medizinische Anwendungen ebenso feil wie Zaubertricks bis hin zur zersägten Jungfrau. Er nennt das den „Verkauf von Hoffnung“, für die Hameler Obrigkeit ist es Hexerei. Abakus wird angeklagt und soll – wie die Ratten – in der Weser ertränkt werden. Doch das Urteil wird nicht vollstreckt, denn es ist ein Märchen mit gewohnt glücklichem Ausgang.

          Der Star des Stückes ist der Hauptdarsteller Dieter Gring. Der langjährige Festspieldarsteller und frühere Festspielleiter stellt einen Rattenfänger dar, wie ihn sich die Grimms und die früheren Hameler vorgestellt hätten: ein Scharlatan in buntem Gewand, mit keckem Hut und Schnabelschuhen. Mal humorvoll, mal rachsüchtig, mal dämonisch spricht Gring als Rattenfänger das Publikum an. Höhepunkt ist sein „Konzert der Ratten um Mitternacht“ auf dem Marktplatz von Hameln, wenn Gring mit seinem magischen Spiel die imaginären Ratten bezaubert.

          Nächste Vorstellungen von „Der Rattenfänger von Hameln“ sind an diesem Sonntag, 11. Juli, um 14 Uhr und um 18.30 Uhr. Informationen und Tickets unter Frankfurt Ticket RheinMain, Telefon 069/13 40 400.

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