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Vito Zurajs Oper „Blühen“ : Späte Liebe einer Krebskranken

Grande Dame der Oper: Brigitte Fassbaender lobt die „tolle Partitur“ des slowenischen Komponisten. Bild: Lucas Bäuml

Wenn die Hoffnung lügt: Auf Thomas Manns Erzählung „Die Betrogene“ beruht Vito Zurajs Oper „Blühen“, deren Uraufführung Brigitte Fassbaender in Frankfurt inszeniert.

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          Bei Thomas Mann spielt die traurige Geschichte im lebenslustigen Rheinland. Rosalie von Tümmler verliebt sich als Witwe in den Englischlehrer ihres Sohnes und freut sich über ihre neu aufblühende Leidenschaft, stirbt aber an Krebs. „Tod in Düsseldorf“ hat man Manns späte Erzählung „Die Betrogene“ auch genannt, die 1953, also vor genau siebzig Jahren, bei Manns altem Verlag S. Fischer am neuen Nachkriegssitz in Frankfurt erschien. Wie der „Tod in Venedig“ schildert sein heterosexuelles Gegenstück eine echte Empfindung, die lächerlich wirkt in den Augen der Gesellschaft, angesichts des Todes.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Brigitte Fassbaender kennt den österreichischen Autor Händl Klaus, der Manns Stoff zum Opernlibretto gemacht hat und es dem Komponisten Vito Žuraj zur Vertonung vorschlug, seit ihrer Zeit als Intendantin des Tiroler Landestheaters in Innsbruck. Als sie von ihrem Frankfurter Kollegen Bernd Loebe hörte, die beiden hätten nach ihr als Regisseurin gefragt, war sie „mächtig glücklich“: „Denn so eine Uraufführung habe ich mir schon lange gewünscht.“ Zudem schätzt sie Thomas Mann. Ginge es nach ihr, könnte es ruhig mehr Opern geben, die auf seinem Werk beruhen. „Felix Krull“ und „Lotte in Weimar“ kommen ihr sofort in den Sinn.

          Ein Vokalensemble als innere Stimme

          In Frankfurt hat sie die Inszenierung einer Oper nun zum ersten Mal nur mit Libretto begonnen. Denn Žuraj, der 1979 im slowenischen Maribor zur Welt gekommene Komponist, schrieb bis zuletzt, die Musik traf, in Gesangslinien, Szenen und Klavierauszug, erst nach und nach ein. „Eine tolle Partitur“, sagt Fassbaender, „geballte, gebändigte Kraft“ mit „gewaltigen Partien“ für fünf Solisten und ein zwölfköpfiges, solistisch geführtes Vokalensemble, dass die Mehrzahl der sieben ineinander übergehenden Szenen ein- und ausleitet. Žuraj postierte es hinter der Bühne, Fassbaender hat es sichtbar gemacht: „Sie sind innere Stimme, kommentieren, sind ununterbrochen gefordert in ihrer Emotion, da müssen sie Teil der Aktion sein.“ Am 22. Januar hat „Blühen“, Žurajs zweite Oper, im Bockenheimer Depot Premiere, an einem Ort, den Fassbaender seit ihren Inszenierungen von Brittens „Paul Bunyan“ und „A Midsummer Night’s ­Dream“ als wandelbar und inspirierend kennt: „Ich mag ihn sehr.“ Musikalisch geleitet wird die Produktion von Michael Wendeberg, es spielt das Ensemble Modern, dem Žuraj seit seiner Aufnahme in die Internationale Akademie des Klangkörpers vor mehr als zehn Jahren eng verbunden ist.

          Alle arbeiteten großartig, so Fassbaender, „hochsensibel, sehr motiviert, mit Offenheit und Intensität“. Dabei sei das, was darzustellen sei, vielen an die Nieren gegangen: „Wenn eine gerade wieder Liebende den Geliebten gleich wieder verlassen muss, ist das schon heftig für alle Beteiligten.“ Es sei aber auch sehr viel gelacht worden: „Lachen und Tragik, Drama und Komödie, das hat sich wieder als total wahr erwiesen, liegen ganz eng beieinander.“ Für sie sei jede Oper Schauspiel mit Musik: „In diesem Fall ist es in erhöhtem Maße so. Das ganze Stück lebt von ungeheurer Gedankenarbeit und ebensolchen Emotionen.“

          Vergänglichkeit als Hauptthema

          Anders als Mann mit seinem oft maliziösen Erzähler geht es Händl Klaus und Vito Žuraj um die Innenwelt der Hauptfigur, die bei ihnen Aurelia heißt. „Blühen“ beruhe auf Aurelias „Stärke und Schwäche“, sagt die Regisseurin. Und der ihrer Tochter Anna, einer ebenso interessanten und komplizierten Figur: „Es sind zwei sehr spannende, großartige Frauenrollen.“ Hinzu kommen der Sohn Edgar und sein junger, gut aussehender amerikanischer Sprachlehrer Ken, der mit seinen breiten Schultern und seiner schmalen Taille schon bei Thomas Mann so heißt, obwohl der Autor in den frühen Fünfzigerjahren noch nichts wissen konnte von Barbies gleichnamigem Plastik-Freund. Eher ein Todesbote hingegen ist Doktor Muthesius, der Arzt, der Aurelia mitteilt, woran sie leidet. „Schonungslos“, sagt Fassbaender: „Er sagt die Wahrheit.“

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