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Brechts „Mahagonny“ in Mainz : Auf die Pelle gerückt

  • -Aktualisiert am
Knappe Bühne und Bilder, die weit in den Alltag ragen: „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny” in Mainz
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          Geld ist eine nützliche Abstraktion. Schade nur, dass ihm immer wieder mehr aufgebürdet wird, als es tragen kann. Der Liebe zugunsten des Reichtums abzuschwören erwies sich bereits für den Nibelungen Alberich in Wagners „Rheingold“ als fatal. Gleichwohl hat der aus Nibelheims Nacht kommende Giftzwerg millionenfach Nachahmer gefunden, welche Geld verabsolutieren.

          Dass eine Gesellschaft durch diesen Vorgang aus den Angeln gehoben werden und zur Selbstzerstörung schreiten kann, haben der Komponist Kurt Weill und der Schriftsteller Bertolt Brecht mit ihrer im Jahr 1930 uraufgeführten Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ auf recht drastische Weise verdeutlicht. Da wird ein Mord, durch den keiner der Überlebenden materiell geschädigt wird, zur Lappalie, während die Anklage wegen des nicht bezahlten Whiskys ein tatsächlich vollstrecktes Todesurteil nach sich zieht.

          Verstrickungen zwischen Politik, Puff und Justiz

          Am Staatstheater Mainz hat sich Intendant Matthias Fontheim des Sujets angenommen und dafür von Susanne Maier-Staufen ein Bühnenbild mit radikal gestutzter Tiefe bauen lassen. Stattdessen ragt eine intensiv bespielte Holzplanke gefährlich weit in den Bereich des Orchestergrabens hinein. Das Spiel rückt seinen Zuschauern auf die Pelle. Fontheim zieht zu diesem Behuf die Fäden weiter zum Dritten Reich und den auf dessen Zusammenbruch folgenden Nürnberger Prozess, weiter zu den späteren Wirtschaftswunderjahren und schließlich bis in die Gegenwart. Die Aussage ist klar: Die Utopie eindimensionaler Heilsversprechen mündet regelmäßig in eine Katastrophe.

          Das stimmt so, doch während er verantwortungslose Vereinfachung anprangert, läuft Fontheim selber in die Simplifizierungsfalle - und der Versuch, mit dem hintergründig laufenden Nachrichtenband Aktualität hereinzubringen, müffelt nach deutscher Provinz. Lustreisen der VW-Betriebsräte, Verstrickungen zwischen Politik, Puff und Justiz: nebbich. Man könnte sich bessere Beispiele aus der Gegenwart vorstellen. Etwa die Folgen jahrzehntelanger Vernachlässigung ethischer und ökologischer Standards zugunsten vermeintlicher wirtschaftlicher Interessen.

          Postromantischer Schmerz und lässige Glätte

          Ein plastischeres Beispiel für die zentrale These von „Mahagonny“ ließe sich schwerlich finden, doch in Mainz dominiert anstelle solcher Konkretisierung die Lust an geistreichen Details und witzigen Videosequenzen. In ihrer Häufung begünstigen sie eine gewisse Desorientierung und überdecken die Aussage der vielschichtigen Musik. Das Philharmonische Staatsorchester Mainz bringt unter der Leitung seiner Generalmusikdirektorin Catherine Rückwardt Weills postromantischen Schmerz über den Verlust menschlicher Empfindung ebenso zur Geltung wie die lässige Glätte mancher Songs. Angesichts der atemlosen Gleichzeitigkeit filmischer und szenischer Botschaften bleiben die Möglichkeiten der Musik, angemessen Wirkung zu entfalten, jedoch begrenzt.

          Auf der Bühne gibt Edith Fuhr mit rauh-rauchigem Machtbesitzerinnenalt der Leokadja Begbick Kontur. Nachhaltigen Eindruck hinterlassen auch das Paar Jenny Hill (Abbie Furmansky) und Jim Mahoney (Kor Jan Dusseljee), der Sprecher (Lukas Piloty) und der Prokurist Fatty (Timo Päch). Die Regieleistung fand bei der Premiere ein geteiltes, allerdings jeweils recht entschieden ausfallendes Echo - und hat damit eines ihrer vornehmsten Ziele erreicht.

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