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Böhse Onkelz in Frankfurt : Trautes Miteinander der Missverstandenen

Kevin Russell bei einem Auftritt der Böhsen Onkelz bei dem Matapaloz-Festival im Juni in Leipzig Bild: dpa

Am Samstag spielt die immer noch umstrittene Band Die Böhsen Onkelz im ausverkauften Waldstadion. Doch wie viel Wut steckt in den Mittfünfzigern noch?

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          Sie wollen nicht fliegen, sondern laufen. Dem Mantra ihrer Lieblingsband zum Trotz, die doch singt: „Hier sind die Onkelz, schnall dich an. Warum willst du laufen, wenn du fliegen kannst?“ Jedenfalls hat sich der „Böhse Onkelz Social Club“ für diesen Samstag um 15 Uhr am Oberforsthaus im Frankfurter Stadtwald verabredet, um von dort gemeinsam zum Waldstadion zu marschieren.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dort kickt nicht die Eintracht, an deren Fan-Brauchtum der organisierte Marsch angelehnt ist, sondern es spielt eine Band, die in ihrer nun schon 38 Jahre währenden Karriere stets für Zwietracht stand – denn die Böhsen Onkelz hasst man, oder man ist ihnen treu ergeben. „Die Onkelz sind eine Lebenseinstellung“, sagen die Fans der 1979/1980 in Hösbach bei Aschaffenburg gegründeten Gruppe, die seit ihren Anfangstagen eine schwere Last mit sich trägt.

          Fahnen schwenken für unbeschwerte Bilder

          Damals war sie in der Skinhead-Szene aktiv und veröffentlichte Lieder mit rechtsradikalem, sexistischem und gewaltverherrlichendem Inhalt, die auf dem Index landeten. „Jugendsünden“, meinen viele Anhänger und verweisen auf die vielfältigen Anstrengungen der Band seit den frühen neunziger Jahren, sich nachdrücklich von rechtsradikalem Gedankengut zu distanzieren. Trotz dieser öffentlichen Läuterung sind die Böhsen Onkelz vielen Musikhörern suspekt geblieben, die sich nicht nur über den gigantischen Erfolg des Quartetts wundern, das Arenen und Stadien ausverkauft, sondern auch erstaunt sein dürften, dass es im Namen der bösen Buben sozial zugehen soll.

          So hat sich der 1994 gegründete, zwischenzeitlich auch mal auf Eis gelegte „Böhse Onkelz Supporter Club“ Anfang Juni in „Social Club“ umbenannt, um fortan als Netzwerk zu dienen, dessen Mitglieder einander helfen und sich gemeinsam engagieren wollen. Am Samstag soll sich der Einsatz auf eine große Choreographie, nämlich ein Fahnenmeer im Stadion, konzentrieren. Angelehnt an die Aktionen, die sonst die Fangruppen der Eintracht bei Heimspielen bieten, erwarten sich die Band und ihre als Neffen und Nichten bezeichneten Fans bei diesem Konzert, das von den Frankfurter Lokalhelden Tankard eröffnet wird, unbeschwerte Bilder, die die latente Aggressivität der Musik harmonisieren.

          Harter stumpfer Rock

          Denn bei allem Familiengefühl und zelebriertem Miteinander der Missverstandenen geht es bei den Konzerten der Band rauh zu. Gitarrist Matthias Röhr, Bassist Stephan Weidner und Schlagzeuger Peter Schorowsky spielen harten, stumpfen Rock, zu dem der lange mit massiven Alkohol- und Drogenproblemen kämpfende und im Jahr 2009 als Verursacher eines schweren Verkehrsunfalls in die Schlagzeilen geratene Sänger Kevin Russell jene aufmüpfigen Texte rotzt und keift, in denen viele Fans jenes Quentchen Auflehnung hören, die sie vermutlich für ihr Auskommen mit dem Alltag brauchen.

          Ob bei den saturierten Mittfünfzigern, die die Onkelz mittlerweile sind, noch echte Wut dahintersteckt, dürfte der Anhängerschaft gleichgültig sein. Sie wollen am Samstagabend im ausverkauften Oval Hymnen kreischen, sich in den Armen liegen und womöglich doch noch fliegen.

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