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Bockenheimer Depot : Zeit, Liebe, Kunst, und allenthalben droht der Tod

Im Zeitkorridor: Lore Stefanek in Elfriede Jelineks „Winterreise” Bild:

Im Bockenheimer Depot hatte das jüngste Jelinek-Stück Premiere, inszeniert von Bettina Bruinier: „Winterreise“.

          Einen Zeitkorridor hat das Frankfurter Schauspiel ins Bockenheimer Depot hineingebaut, einen langen Tunnel, einen tiefen Schlauch mit Guckkasten-Umrahmung vorne und einer schwarzen Wand mit Tür und zwei Schweinwerfern ganz weit hinten. Im Lauf der Vorstellung wird die Wand gen Zuschauerraum rücken, bis sie zum Schluss eins wird mit der Bühnenöffnung. Dann sind knapp anderthalb pausenlose Stunden vergangen, was einem Parforceritt durch ein Stück von 120 Manuskriptseiten gleicht, einem Theaterwerk ohne Rollenzuschreibungen, Ortsbestimmungen, Regieanweisungen, einer Textfläche, wie die Arbeiten fürs Sprechtheater von Elfriede Jelinek gerne genannt werden.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Andernorts brauchte es dreieinviertel Stunden, um die Masse an Wörtern dramaturgisch zu durchpflügen, die sich keiner herkömmlichen theatralischen Form fügen. Umso erstaunlicher ist die Essenz aus Sprache und Gedanken, Stimmungen und Neurosen, die Bettina Bruinier in ihrer Inszenierung des jüngsten Theatertextes der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin herausdestilliert hat.

          Zeit, Liebe, Kunst, und allenthalben droht der Tod, der einmal auch als gleißendes Licht durch die Tür bricht: Es geht um alles, und das, zumindest in Frankfurt, rasend schnell. Eine Blitztour durch die menschliche Existenz. Die Regisseurin hatte offenbar einen Heidenrespekt vor der Autorin, die in Romanen wie Dramen keine Gelegenheit auslässt, Leser und Zuschauer zu verstören, ihnen quälende Themen wie das der jede sexuelle Energie vernichtenden Übermutter zuzumuten und in gewagten Sprüngen einen Skandal nach dem anderen zur Sprache zu bringen, vorwiegend solche, die in der heimatlichen Alpenrepublik die Gemüter erregen.

          „Wieso hört man eine aus dem Keller und uns nicht?“

          In der „Winterreise“ jedoch begegnet einem eine gedämpfte Schriftstellerin, die nicht, wie sonst üblich, mit der Sense kurz und klein haut, was sie an Unbilden, privaten wie gesellschaftlichen, erlebt und erleidet, sondern sich beeindruckt zeigt von einer Macht, die das Messer schwingt und ohne Ausnahme alle einmal trifft: Elfriede Jelinek begleitet den Kampf der Individuen gegen den Sensemann mit überwiegend melancholischen Tönen, aber auch mit Satire, Aggression, schwarzem Humor.

          Die Regie lässt Jelineks Sprache leuchten. Die vom Text stark geforderten Schauspieler stellen ihn bravourös in den Raum. Es ist eine wahre Freude, ihnen zuzuhören. Eine Konfiguration von Figuren geht nahtlos aus der anderen hervor, als handele es sich um eine Selbstorganisation von schauspielerischen Prozessen. Es wird viel monologisiert, das Innerste nach außen gekehrt. Show-Einlagen, Revuenummern, choreographierte Statistenszenen sind zwischen Thesen geschaltet wie jener vom Ich, das kein Selbst werden kann, oder der Zeit, die unabhängig vom Menschen nicht existiert. Einzelne Vorgänge kristallieren sich heraus, werden wiederholt unter die sprachliche Lupe genommen. So die Abschiebung eines alten, kranken Mannes, dem ein großartig agierender Wilfried Elste den Ausdruck eines herzerweichenden, weil finalen Elends verleiht: Frau und Tochter haben ihn in die Anstalt gesteckt, wo er nun doppelt gefangen ist, in seiner beginnenden Demenz und in der überfüllten letzten Unterkunft.

          Überragende Lore Stefanek

          Jelinek lässt Natascha Kampusch auftreten, die in der Frankfurter Inszenierung als schweigend lächelnde junge Statistin jenseits von Gut und Böse ein Eigenleben zu führen scheint, den anderen aber Anlass gibt, über sie herzuziehen als eine, die nicht dieses Übermaß an Aufmerksamkeit verdient hat, die sich nicht für etwas Besseres halten darf, weil ihr die Kindheit im Kerker gestohlen worden ist. „Wieso hört man eine aus dem Keller und uns nicht?“

          Mannigfaltig sind die Anspielungen auch in diesem Jelinek-Stück, üppig der Einsatz der Metaphern, und die Liebe in Zeiten des Internets, die jedoch nie an die Intensität herankommt, die das Kind bei der Mutter dank deren bedingungsloser Zuneigung erfuhr, wird ebenso behandelt wie ganz zum Schluss in selbstironischer Manier das Schriftstellerdasein einer komischen Alten, die immer dieselbe Leier spielt. Über, hinter, neben allem jedoch schimmert wie in einem Palimpsest Schuberts Winterreise durch, immer wieder gibt es Bezüge zu dem Liederzyklus von Franz Schubert aus dem Jahr 1827. Zeilen des Textdichters Wilhelm Müller werden in leichter Abwandlung zitiert, und ein Pianist (Kornelius Heidebrecht) spielt auf einem Flügel mitten auf der langgestreckten Bühnenfläche leise und verhalten die eine oder andere Weise, nicht immer von Schubert, auch mal einen Tanz, zu dem sich die Akteure zusammenfinden.

          Eine überragende Lore Stefanek, ein zwischen Komik und Tragik brillant oszillierender Andreas Uhse, eine im neurotischen Beschwören der Mutterliebe als Beziehungsideal zu Höchstform auflaufende Josefin Platt sorgten für einen Premierenabend, der nicht nur mit dem sprachlichen Raffinement einer wortmächtigen Autorin, sondern auch mit darstellerischer Präzision glänzte. Jeder Satz, jeder Augenblick schien gleich nah am Drama der menschlichen Existenz. Wer sich da nicht berühren lässt, an dem ist alle Bühnenkunst verloren.

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