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Bockenheim : Verein soll Frankfurter Kulturcampus vorantreiben

Platz für Visionen: In Bockenheim soll ein Kulturcampus entstehen, der neben der Wissenschaft auch die künstlerische Avantgarde beherbergen könnte. Bild: Wonge Bergmann

Noch ist der Kulturcampus Bockenheim ein visionäres Gebilde. Als solches jedoch nimmt er schon deutliche Formen an. Im Herbst dieses Jahres, spätestens aber im Frühjahr 2012 soll ein Pavillon, eine „Kultur-Box", Einblicke in die Nutzung geben.

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          Noch ist der Kulturcampus Bockenheim ein visionäres Gebilde. Als solches jedoch nimmt er schon deutliche Formen an. Am Montag hat der Vorstand des soeben gegründeten Vereins, der das Vorhaben vorantreiben möchte, sogar schon das erste konkrete Projekt vorgestellt: Im Herbst dieses Jahres, spätestens aber im Frühjahr 2012 soll ein Pavillon, eine „Kultur-Box“ nach Vorbild der „Info-Box“ genannten temporären Einrichtung auf dem Potsdamer Platz in Berlin, Einblicke in die künftigen Nutzung des Areals gewähren. Das kleine, auf Zeit errichtete Gebäude soll jedoch auch für Symposien, Performances, Konzerte und andere Veranstaltungen taugen, die in Zusammenhang mit den neun Anwärtern für den Kulturcampus stehen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Nikolaus Hirsch, Rektor der Städelschule und von Haus aus Architekt, hat sich gemeinsam mit Tobias Rehberger schon einmal Gedanken über einen derartigen Pavillon gemacht und eine erste Skizze erstellt. Rehberger, Prorektor der Kunsthochschule, hatte 2009 den Preis der Biennale in Venedig für sein während der Ausstellungszeit bestehendes Café erhalten. Für das Gelände, auf dem in wohl nicht allzu naher Zukunft Gewerbeflächen, Wohnungen und eben auch der Kulturcampus entstehen sollen, haben die beiden Städelschulleiter ein Gebäude im Sinn, das sich bei passendem Wetter gleichsam aufklappen lässt und auch geöffnet seinen Charme entfaltet.

          „Ja, wir sind Traumtänzer“

          An welcher Stelle genau die Info-Box stehen wird, ist bisher unklar, darüber muss noch mit der Universität, die immer noch Hausherrin auf dem Areal ist, verhandelt werden. Was dieses Detail betrifft, ist das Forum Kulturcampus Bockenheim, wie sich der Verein nennt, ebenso zuversichtlich wie für das gesamte Großvorhaben: „Wir wollen die Sehnsucht nach dem Kulturcampus wecken“, sagte gestern Stefan Mumme, Rechtsanwalt und Vereinsvorsitzender. Und Volker Mosbrugger, Generaldirektor der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung und stellvertretender Vereinsvorsitzender, zeigte sich überzeugt: „Auch wenn das Geld noch nicht da ist, wird es der Wunsch nach Kultur generieren.“

          Ähnlich äußerte sich auch Thomas Rietschel, Präsident der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst: In einer Sonderausgabe des Hochschulmagazins, die ausschließlich dem Kulturcampus Bockenheim gewidmet ist, schreibt er im Editorial: „Ja, wir sind Traumtänzer. Denn wo, wenn nicht in der Kunst, werden Träume getanzt, und wer außer uns sollte das sonst tun?“ Gestern wies Rietschel noch einmal auf die Platznöte der von ihm geleiteten Institution hin: „Wir sind hoffnungslos zu klein, müssen täglich das Chaos organisieren.“ Der Bockenheimer Campus sei immer der Lieblingsort der Hochschul-Verantwortlichen für einen Neubau gewesen. Das Land Hessen habe stets entschieden „nein“ dazu gesagt. Dann aber hätten im vorigen Jahr der damalige hessische Finanzminister Karlheinz Weimar und die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (beide CDU) „wie in der Schöpfungsgeschichte gesagt: Es werde Licht“. Nun sei man auf einem guten Weg, den Kulturcampus zu verwirklichen.

          Wissenschaft und Kunst näherten sich

          Es sei Schwung in die Sache gekommen, ergänzte Mumme, sie gewinne an Dynamik. Frankfurt solle nicht nur ein Ort der repräsentativen Kultur, sondern auch der Avantgarde bleiben und diese Ausrichtung noch verstärken, sagte er. Dabei sollten auf dem Kulturcampus die einzelnen Kunstsparten die Gelegenheit erhalten, sich untereinander, aber auch mit der Wissenschaft zu verknüpfen. Man wolle mehr Künstler nach Frankfurt locken und ihnen Arbeitsmöglichkeiten geben – viele fänden in der Stadt wegen der hohen Mieten keine Ateliers und zögen deshalb Berlin vor.

          Mosbrugger nannte den Kulturcampus ein Vorhaben, das eine wesentliche Tendenz des 21. Jahrhunderts widerspiegeln werde: Gegenwärtig näherten sich Wissenschaft und Kunst, die sich im 19. und 20. Jahrhundert voneinander abgegrenzt hätten, wieder an, um Antworten auf die globalen Fragen einer Welt mit demnächst neun Milliarden Menschen zu finden. Es gehe um Themen wie das Verhältnis von Mensch und Maschine oder auch um Klimawandel, Energie und Nahrungsversorgung handle.

          „Ein Ort des Austauschs soll entstehen“

          Das Interesse der Wissenschaft an der Kunst sei in letzter Zeit stark gewachsen, sagte der Senckenberg-Chef; die Wissenschaft sei immer ein Teil der Kultur gewesen, so wie die Kultur auch eine evolutionäre Basis habe: Der Mensch komme aus der Natur, und auch die Emotionen hätten eine „biologische Bedingtheit“. Der Kulturcampus biete eine „phantastische Chance“, Wissenschaft und Kunst neu zu vernetzen.

          Auf dem Kulturcampus sollen künftig die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, die Senckenberg-Gesellschaft, das Ensemble Modern, das Frankfurt Lab, die Forsythe Company, die Hessische Theaterakademie, das Institut für Sozialforschung, die Hindemith-Stiftung und die Junge Deutsche Philharmonie in unmittelbarer räumlicher Nachbarschaft beheimatet sein. Mumme fasst das so zusammen: „Ein Ort des Austauschs soll entstehen.“

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