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„Blickachsen“ : Kopflose vor der Universität

Industrie-Bauteile: „Heterospective”, Sebastian Kuhn. Bild: Galerie Scheffel und S. Kuhn/H.Visch

Die „Blickachsen“ sind nicht mehr nur in Bad Homburg zu sehen. Doch der Kurpark bleibt weiter das Zentrum der stetig wachsenden Großskulpturenausstellung.

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          Es ist eine Warnung, die zugleich Lust an spielerischer Eleganz beweist: Stefan Rohrer hat für seine Arbeit „Yello Arrow“ einen blitzend gelben Opel Kadett auseinander gezogen und in großem Bogen um eine Kastanie gewickelt. Gleich an dem Weg, der neben der Kisseleffstraße in den Bad Homburger Kurpark führt, schlingt er sich um den Baumstamm – so sieht es ein bisschen aus, als sei das Auto von der Fahrbahn abgekommen: Der Rausch der Geschwindigkeit und die ihr innewohnende Gefahr sind gleichsam zum Bild erstarrt, aber auf eine blank polierte und comicartige, beinahe fröhliche Weise. Denn niemand ist verletzt worden. Es ist ein Werk, das der 1968 in Göppingen geborene Bildhauer Stefan Rohrer eigens für die „Blickachsen 8“ angefertigt hat, wie einige andere Bildhauer auch.

          Katharina Deschka
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Insgesamt zeigen 22 internationale Künstler vom 22. Mai bis zum 3. Oktober rund 65 Werke bei dieser Ausstellung, die wieder bekannten, aber auch jungen Kunstschaffenden eine Plattform gibt. Wie alle zwei Jahre hat „Blickachsen“-Begründer Christian Scheffel sie ausgewählt – diesmal in Zusammenarbeit mit Jan Teeuwisse, dem Direktor des niederländischen Museums Beelden aan Zee. So kommt es, dass ein Akzent auf der Skulptur der Niederlande und Belgien liegt. Einige der spannendsten Arbeiten stammen in diesem Jahr von dort. So werden die Kurpark-Besucher gleich auf dem Schmuckplatz mit der Kriegsbilder heraufbeschwörenden Skulptur „WWIII“ von Joep van Lieshout konfrontiert: eine in ihrer Größe bedrohliche Feldhaubitze hat er aus Kunststoff nachgebaut, aber in leuchtendem Blau. Der Titel der 13 Meter langen Skulptur spielt auf die Möglichkeit eines Dritten Weltkriegs an. Keine sehr beruhigende Arbeit ist das, sondern eine, die kritische Fragen stellt, was besonders auffällt, weil sie an jenem Platz steht, den vor zwei Jahren noch Jaume Plensas weitaus gefälligere Skulptur belegt hatte.

          Zwei große Weingläser

          Der belgische Künstler Johan Tahon gestaltet bizarre menschliche Figuren, die er zersägt und neu zusammensetzt, die er mit großen Ohren oder Flügeln dort versieht, wo die Arme sitzen müssten, und mit aufgerauten Oberflächen. Von dem niederländischen Bildhauer Henk Visch stammt ein monumentales Bronzebein mit dem Titel „Noch einmal“: Wie ein Überbleibsel des Koloss’ von Rhodos steht es auf der Wiese zwischen Brunnen und Weiher. Vischs Hase gibt mit leuchtend gelben Augen und seiner glatten Oberfläche aus Aluminium aber mindestens genauso viele Rätsel auf.

          Die Ausweitung der „Blickachsen“ in die Region hinaus, die vor zwei Jahren mit den „Tanzenden Bäumen“ von Timm Ulrichs begann, die in Bad Homburg und drei anderen Städten installiert waren, wurde dieses Mal noch sehr viel stärker ausgebaut. Treibende Kraft war wieder der Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, der Ausstellungen in drei weiteren Städten ermöglicht hat. So sind in Darmstadt in der Stadtkirche und vor der Kunsthalle eine Installation mit riesigen Baumstämmen und eine Arbeit mit Eisengüssen von dem Briten David Nash zu sehen. In Eschborn werden zwei abstrakt-geometrische Skulpturen von Nigel Hall im Camp-Phönix-Park und Bronzegüsse von Dietrich Klinge im Skulpturenpark Niederhöchstadt gezeigt. Besonders eindrucksvoll wirken die „Ten Seated Figures“von Magadalena Abakanowicz, zehn monumentale Figuren, die im Halbkreis vor dem IG-Farben-Haus der Goethe-Universität sitzen – kopflos. Von Masayuki Koorida sind, wie vor zwei Jahren schon, auf Hochglanz polierte Mamor- und Granitskulpturen zu sehen. Und auch Bernar Venet ist wieder dabei, mit großen Bögen aus Corten-Stahl.

          Doch immer noch leben die „Blickachsen“ von ihrem Grundgedanken, die Skulpturen im vom königlich preußischen Gartenbaudirektor Peter Joseph Lenné vor mehr als 150 Jahren entworfenen Bad Homburger Kurpark zu zeigen, in dem sich Kunst und Natur aufs Schönste verbinden. So ist und bleibt das Zentrum der Ausstellung auch in diesem Jahr der prächtige Park mit seinen alten Bäumen und den großen Wiesen. Die Kunstwerke greifen mit ihren Standorten die Lennéschen Blickachsen auf und eröffnen mitunter ungewohnte Dialoge. Von Tom Otterness etwa stammt der „Kopf“ aus Bronze, ein maskenhaft anonymes Bildnis ohne Augen, der gegenüber der Büste von Max Oskar Bircher-Benner steht, einem Ernährungswissenschaftler, dem hier einst ein Denkmal gesetzt wurde. Wunderbar in die Landschaft fügt sich die Installation des im Januar gestorbenen Land-Art- und Performance-Künstlers Dennis Oppenheim. Aus seinen beiden riesigen, umgekippten Weingläsern aus Edelstahl ergießt sich roter und weißer Wein – in Gestalt von Blumenfeldern, die bald rot und weiß blühen sollen. Eine faszinierende begehbare Skulptur hat Sebastian Kuhn geschaffen: „Heterospective“ heißt die aus Stahltreppen, Maschinentüren, Heizkörpern und Neonröhren zusammengesetzte Arbeit, die dem Betrachter mit Spiegelungen, Licht und überraschenden Durchblicken immer neue Perspektiven eröffnet. Im Bad Homburger Schlosspark lädt Vincent Olinet mit seiner Arbeit „pas encore mon histoire“ zum Träumen ein: Auf dem Weiher schwimmt sein märchenhaftes Himmelbett.

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