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Binding-Kulturpreisträger Rühle : Auf der Suche nach dem Erlebnis Theater

Neuer Träger des Binding-Kulturpreises: Theaterkritiker Günther Rühle Bild: ©Helmut Fricke

Als Kritiker, Intendant, Kurator und Autor ist er so etwas wie das Gedächtnis der deutschen Theatergeschichte. Nun bekommt Günther Rühle den Binding-Kulturpreis.

          3 Min.

          Er selbst hält das schon für Chaos. Aber wenn man sich darin so umsieht, ist Günther Rühles Arbeitszimmer, das kleine private Theatergeschichtsinstitut im Erdgeschoss seines Hauses am Taunus, mindestens so wohlgeordnet wie Rühles gesammelte Meinungen zum deutschen Theater und seine immense Bibliothek.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Computer mit großem Bildschirm in bequemer Augenhöhe, Papierstapel auf dem Schreibtisch, eine Armada von Leitzordnern mit Exzerpten. Vor allem das Zeitungsarchiv der Staatsbibliothek im Berliner Westhafen hat es Günther Rühle derzeit angetan. Stunde um Stunde liest er bei seinen Rechercheaufenthalten dort, im „Neuen Deutschland“ etwa, „ein großes Vergnügen“, sagt er. Und er entdeckt ein neues Bild vom ost- und westdeutschen Nachkriegstheater. Für sein zweites Werk zur deutschen Theatergeschichte hat sich Rühle zwar eine kleinere Zeitspanne vorgenommen. Aber 1945 bis 1968, das ist kompliziert, schließlich hat sich das deutschsprachige Theater in verschiedene Zentren, Strömungen, Schulen geteilt. Eigentlich habe er mit dem zweiten Band schon fertig sein wollen, sagt Rühle, sieht aber nicht so aus, als verzweifle er an seiner Aufgabe. „Wenn ich das nicht schreibe, schreibt das nie wieder jemand.“

          Theater eine „geistige Anstalt“

          Seine Augen über den roten Wangen funkeln weiterhin begeistert und empört, je nachdem, von welchem Theatererlebnis gerade die Rede ist. Wer je erlebt hat, wie Rühle bekannte Theatermacher mit einem raschen „Wir wollen doch bei der Sache bleiben“ zu Buben zurechtdiskutiert hat oder bei der Woche junger Schauspieler in Bensheim frische, performative Bühnenformen belobigte, vergisst die Mischung aus scharfem Analytiker, neugierigem Bürger und leidenschaftlichem Theaterliebhaber nicht so schnell. Für Rühle ist und bleibt das Theater eine „geistige Anstalt“, was eine gewisse Bereitschaft zur Anstrengung aller Beteiligten verlangt. Das Theater muss Bilder erzeugen, die ins Bewusstsein dringen, die Denkprozesse anregen, so seine Überzeugung. „Das Theater kann gut oder schlecht sein – es spiegelt immer die Themen der Gesellschaft“. Längst hat die Bildermaschine ihr Monopol an Film und Fernsehen verloren, doch Rühle glaubt weiter an die Kraft des Theaters und seine besondere Fähigkeit, an die Essenz des Menschen und des Menschlichen vorzudringen. Daher sei es auch eine Zukunftsaufgabe der Bühnen, Lebensmodelle in Bilder zu setzen und Bildungsprozesse zu befördern.

          Über das Theater nach der Wende und seine aktuelle Lage sprechen will Günther Rühle, wenn er am Samstag im Römer den Binding-Kulturpreis erhält. Weder als Theaterkritiker, der er seit 1960 bei dieser Zeitung war, noch als Feuilletonchef von 1974 bis 1984 hat Rühle das offene Wort gescheut. Als Intendant des Frankfurter Schauspiels 1985 bis 1990 ist sein Name untrennbar verbunden mit der verhinderten Uraufführung des Fassbinder-Stücks „Der Müll, die Stadt und der Tod“ im Herbst 1985. Und er hat damals Einar Schleef ans Schauspiel geholt.

          „Weil ich sehen will, wie es weitergeht“


          Insofern hat Rühle Theatergeschichte immer auch gemacht – als Kritiker, als Intendant, als Autor und Präsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. Dass er den Binding-Kulturpreis bekommt, hat ihn etwas überrascht: 1963, als junger Kritiker, erhielt er den Theodor-Wolff-Preis. „Und dann kam 40 Jahre lang nichts. Und jetzt kommt so ein Alterssegen“. 2007 hatte er von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung den Merck-Preis erhalten. Im selben Jahr erschien der erste Band von „Theater in Deutschland“. Von 1887 bis 1945 reicht er, 1283 Seiten, erzählt, als sei Rühle höchstpersönlich von Anfang an dabei gewesen.

          Aber Rühle ist in der vergangenen Woche erst 86 Jahre alt geworden. „Die Evolution macht ein Experiment mit mir“, pflegt er zu sagen. Das Seine dazu: Nie zur Ruhe setzen und immer das arbeiten, was Spaß und Lust macht. Der schreibende Beruf sei dafür geradezu ein Segen, sagt er. Geboren in Gießen, aufgewachsen in Bremen, als Jugendlicher zum Kriegsdienst eingezogen, studierte er in Frankfurt und hat aus der Erfahrung, als Student „ohne feste Begriffe“ auskommen zu müssen, über die Liebe zum Expressionismus den Weg zum Theater gefunden. Und er wollte immer unbedingt „in Frankfurt Zeitung machen“. So kam es dann auch.

          Heute schaut Rühle drei, vier Inszenierungen im Monat an. „Wenn man mehr als 50 Jahre lang Theater gesehen hat, wählt man aus“. Ins Frankfurter Schauspiel, wo Oliver Reese seine erste Spielzeit hinter sich hat, will Rühle auch in der nächsten Saison öfter gehen: „Weil ich sehen will, wie es weitergeht.“

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