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Bildhauer David Nash : Die Sprache der Bäume

Dem Kreislauf des Vergehens entrissen: die Skulptur „Red-Dome” von David Nash Bild:

Seit mehr als 40 Jahren arbeitet der britische Bildhauer David Nash mit und in der Natur - am liebsten mit Bäumen. Eine Ausstellung im Bad Homburger Sinclair-Haus.

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          Ein Vierteljahrhundert hat sich David Nash mit seiner „vergehenden“ Arbeit „Wooden Boulder“ beschäftigt – einer grob aus einem 200 Jahre alten Eichenstamm gesägten Kugel. Von 1978 bis 2003 hat er dokumentiert, wie die schwere, bestimmt fast einen Meter Durchmesser umfassende Holzkugel ihren Weg aus den Bergen des walisischen Nationalparks Snowdonia über einen Bach bis zum Fluss Dwyryd nahm, wo sie zu guter Letzt bei Bronturnor aufs Meer hinaus verschwand.

          Katharina Deschka
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Knappe 10 Meilen hatte der Holzbrocken in all den Jahren zurückgelegt, und immer wieder musste Nash eingreifen, damit er niedrige Brücken passieren konnte und nicht im Flussbett hängen blieb, bevor er schließlich endgültig davongespült wurde. Überdauert haben Zeichnungen, Notizen, Fotografien und ein Film mit ruhigen Aufnahmen einer sagenhaft schönen und rauhen Landschaft und der mit dem Wasser dahintreibenden Skulptur, die sich – den Witterungen und dem Verfall preisgegeben – längst wieder in den Kreislauf der Natur eingereiht hatte.

          Formen erinnern an zerstörte Hochhäuser

          Der Film über „Wooden Boulder“ ist nun im Bad Homburger Sinclair-Haus in einer Ausstellung zu sehen, die mit rund 50 Skulpturen aus den siebziger Jahren bis heute das Werk des 1945 geborenen David Nash vorstellt. Wie bald zu erkennen ist, wäre die Kunst des Briten kaum denkbar ohne die von ihm 1967 erworbene, ungenutzte Kapelle in Nordwales, die ihm als ausreichend großes Atelier dient. Und nicht ohne seine Ländereien. Denn Nash arbeitet seit 40 Jahren mit und in der Natur – und zwar am liebsten mit Bäumen.

          Auf seinem Grundstück hat der Künstler beispielsweise mit seinem „Ash Dome“ ein auf Jahrzehnte angelegtes konzeptuelles Kunstwerk geschaffen: 1977 pflanzte er 22 Eschen im Kreis an und beschnitt ihre Stämme so, dass ihre Kronen zu einem Kuppelraum zusammenwuchsen. In Bad Homburg werden, vom „Ash Dome“ abgesehen, jedoch leider keine weiteren Arbeiten Nashs mit lebendigen Bäumen dokumentiert: jene Werke, die der Künstler als „werdende“ bezeichnet.

          Es überwiegen stattdessen die Skulpturen aus Holz, die Nash aus dem „Kreislauf des Vergehens“ herausnimmt, wie er selbst sagt, indem er das Holz konserviert oder in den Innenraum holt, um es nicht mehr dem Wetter auszusetzen. Die 151 Eibenholz-Stücke seiner im geschützten Ausstellungsraum gezeigten „Red-Dome“-Skulptur etwa sind unbehandelt und offenbaren so die hübsche rötliche Färbung des inneren Holzes, das erst nach außen hin weiß und grau wird. Seinen „Torso“ dagegen – einen ungefähr zwei Meter hohen, eindrucksvoll verkohlten Eichenstamm – hat er mehrere Stunden im Feuer brennen lassen. Überhaupt experimentiert Nash gerne mit verbranntem Holz und der das Licht absorbierenden Farbe Schwarz: Auf einen Magnolienstamm brannte er schwarze Kreuze. Und in seiner erstmals präsentierten Arbeit „An Awfull Falling“, die sich auf den Terroranschlag des 11. September bezieht, hat er aus verkohlten Hölzern, deren Formen an die zerstörten Hochhäuser erinnern, ein treffendes Bild für die Vernichtung geschaffen.

          Gedanke des Umweltschutzes

          Für seine Arbeit „Crack and Warp Wall“ hat Nash Buchenstämme in viele dünne Scheiben geschnitten und sie zwei Jahre lang trocknen lassen: Die Scheiben zerbarsten zum Teil. Dieses Werk dokumentiert zugleich Nashs Geduld, die jene Geduld eines äußerst zurückhaltenden Gärtners ist, der die Natur selbst walten lässt. Anders als die amerikanischen Pioniere der Land Art treibt Nash auch der Gedanke des Umweltschutzes um, jedenfalls insofern, als Nash ausschließlich mit abgestorbenen oder umgestürzten Hölzern arbeitet: Keiner der von ihm bearbeiteten Bäume wurde eigens für die Kunst gefällt.

          Um noch mehr von dem Baum zu begreifen, arbeitet Nash außerdem gerne dort, wo der Baum stand – am liebsten sägt, hämmert und fackelt er gemeinsam mit einheimischen Waldarbeitern. Auf der japanischen Insel Hokkaido etwa schlug Nash zwei „Schiffe“ aus Mizumara-Holz, die nun in Bad Homburg gezeigt werden. Man lerne Menschen gut kennen, berichtet der Bildhauer, wenn man gemeinsam körperliche Arbeit verrichte. Auch unterschiedliche Sprachen müssten kein Hindernis sein, wie Nash im Umgang mit einem japanischen Arbeiter zufrieden feststellte: „Wir sprachen die Sprache des Holzes.“

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