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Sänger Maurice Ernst Bild: Lucas Christiansen

Bilderbuch in Wiesbaden : Mit dem Extra-Sahneklecks

Die fabelhafte österreichische Band Bilderbuch bringt das ehrwürdige Kurhaus in Wiesbaden zum Wackeln

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          Wiesbaden ⋅ Ja, bist du deppert. Bussi Bussi im Kurhaus Wiesbaden? Gar shaky, shaky, und nicht nur hands, sondern auch butts im ehrwürdigen Friedrich-von-Thiersch-Saal? Wir sind hier doch in einem der prunkvollsten Festbauten Deutschlands und nicht in irgendeinem Discobunker. Wobei, kündet eine lateinische Inschrift just in jenem Thiersch-Saal nicht davon, wozu das Kurhaus einst errichtet worden ist? „Die Kranken zu heilen“ steht da, und eine verlässliche Medizin, neben all den Wiesbadener Wässerchen, ist nun einmal der Spaß. Einen solchen Spaß hat sich die österreichische Band Bilderbuch für ihre aktuelle Tour einfallen lassen, die sie nicht auf die üblichen Bühnen in Musikclubs und Mehrzweckhallen, sondern in die Philharmonien etwa in München, Hamburg, Berlin und Köln oder eben ins Wiesbadener Kurhaus führt, an Orte also, an denen für gewöhnlich Symphonisches zu hören ist. Dabei haben Bilderbuch noch nicht einmal ein Symphonieorchester im Rücken, schon allein deshalb, weil der Band noch viel zu viel Neues einfällt, als alte Hits mit symphonischer Wucht zu verabreichen.

          Softrock der späten Siebzigerjahre

          Christian Riethmüller
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für die Wucht im nahezu ausverkauften Kurhaus reichen mitunter drei Gitarren, Bass, Schlagzeug und Percussions. Gehörig aufgedreht wird mit diesem Instrumentarium auch der Eindruck verwischt, Bilderbuch seien mit ihrem jüngsten, vor wenigen Tagen veröffentlichten Album „Gelb ist das Feld“ wenn nicht im Schlager-Pop, so doch zumindest im Softrock der mittleren und späten Siebzigerjahre angekommen. Zwar wird hie und da die Akustikgitarre geschlagen oder glitzert und glimmert der Synthesizer im Hintergrund, doch meist ist da vor allem Wall of Sound. Und da ist Gitarrist Michael „Snacky Mike“ Krammer, der vielleicht funkyste Metal-Gitarrist oder aber metallenste Funk-Gitarrist weit und breit und ein Schlawiner obendrein, weil seine Tapping- und Flitzefinger-Soli ja ganz allein nur dem Kalkül des Extra-Sahnekleckses auf der Sahnetorte und nicht etwa einer musikalischen Notwendigkeit folgen. Und trotzdem beobachtet man ihn hingerissen, wenn er mit der doppelhalsigen Gitarre posiert oder das fabelhafte Motiv des Bilderbuch-Hits „Spliff“ zu einer unwiderstehlichen Funkrock-Attacke variiert, die die Originalversion fast vergessen lässt.

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