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Bilder von Barbara Klemm : Unterwegs mit Goethe

Viel Himmel und ein wenig Technik: Barbara Klemm, Wolkenstudie, 2013 Bild: Barbara Klemm

„Dilettant“ kommt von Vergnügen: Zeichnungen von Goethe und Bilder von Barbara Klemm stiften im Sinclair-Haus Bad Homburg zum Reisen im Kopf an.

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          Dass es manchmal auch ein rechtes Ackern gewesen sein muss, bis die „kleinliche deutsche Art“ von ihm abgefallen ist, sieht man den Zeichnungen bisweilen an. So richtig befreit davon hat Goethe sich in Italien erst nach einiger Zeit: „Heute hab ich den ganzen Tag gezeichnet. Dieses Verlangen arbeitete schon lange in mir. Ich sehe lang, was gut und besser ist, aber das Rechte in der Natur zu finden und nachzuahmen ist schwer, schwer“, schreibt er im Februar 1787 aus Rom an Charlotte von Stein. Dabei hatte er sich sogar als „Filippo Miller tedesco pittore“, als deutscher Maler namens Miller, ausgegeben, um ungestört in Rom seinen künstlerischen Neigungen nachgehen zu können.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Konzentriert auf kleinere Ausschnitte, typisch südliche Motive, fand der reisende Hofbeamte und Dichter Erfüllung in der bildenden Kunst, zeichnete den Palatin, das Castel Gandolfo, bisweilen erlebte, bisweilen erträumte Landschaften mit neuem, freiem Schwung. Und das, obwohl er schon von Kindesbeinen an ein sehr beachtliches Talent zum Zeichnen an den Tag gelegt hatte. Vom Vater, wie damals üblich, zum Unterricht angehalten, hat er sogar kurz mit dem Malerberuf geliebäugelt.

          Goethe selbst Dilettant geblieben

          Vermutlich von 1770 stammt seine Frankfurter Leonhardskirche, das älteste Blatt, das nun in der oberen Etage des Bad Homburger Sinclair-Hauses den Besucher empfängt. Begleitet von Zitaten aus Goethes Werken, geben 55 Zeichnungen aus allen Lebensaltern Goethes, die meisten davon sind Leihgaben der Stiftung Weimarer Klassik, einige kommen aus dem Freien Deutschen Hochstift Frankfurt, Einblick in seine lebenslange und höchst produktive Neigung zur Kunst. „Reisenotizen“, so der Titel der Schau, sind zumal die kleineren Formate für Goethe oft gewesen. Dass er, der um 1800 eine ganze Theorie zum Dilettantismus entwarf, selbst ein Dilettant geblieben ist, zupft kein Blatt aus seinem Lorbeerkranz, im Gegenteil: Effektvollen Nachtstudien auf blauem Papier oder Blättern wie „Bequemes Wandern“ von 1811 ist das Vergnügen, der „diletto“, von dem das Wort sich herleitet, eine gewisse heitere Distanz, anzumerken, die sich in späten Wolken- und Baumstudien zu geradezu kühner Freiheit aufschwingt.

          Es ist eine ähnliche Freiheit, die man im schäumenden Wasser, in den glitzernden Kaskaden von Barbara Klemms Wasserfällen, in dem dramatisch im Gegenlicht wogenden Rheinfall wiederfindet, ganz zu schweigen von den Serien ihrer licht- und schattensatten Baum- und Wolkenstudien, die in Schwarz, Weiß, Grau Präzision und Lebendigkeit der Natur in eine Balance setzen. „Vergnügen“ ist ein Wort, das auch Barbara Klemm gern benutzt. Etwa, wenn sie von ihrer ersten Begegnung mit diesen Goethe-Zeichnungen berichtet. Oder von den bisweilen sehr amüsanten Fährnissen, die ihre Reisen auf Goethes Spuren im vergangenen Jahr begleitet haben. Viele Jahre hat sie als Redaktionsfotografin dieser Zeitung die Welt bereist und in oft extrem schwierigen Situationen Zeitgeschichte ins Bild gesetzt. Schon immer hatte sie ein Faible für die Landschaft - doch das „Malerische“ hat selten Raum im journalistischen Alltag.

          Zum Sehen geboren: Goethe zeichnete sein Gartenhaus von der Rückseite 1779/80 Bilderstrecke
          Zum Sehen geboren: Goethe zeichnete sein Gartenhaus von der Rückseite 1779/80 :

          Dass Barbara Klemm der Landschaft stets zugeneigt war, weiß auch Johannes Janssen, der Direktor des Sinclair-Hauses, der Klemm zu einem ungewöhnlichen Projekt einlud: Im Auftrag des Museums und der Altana Kulturstiftung, die sich auf Natur-Sujets konzentriert, auf den Spuren des Zeichners Goethe dessen Orte zu fotografieren. Mit ganz eigenem, ganz freiem Blick - nicht etwa als Abgleich der Zeichnung von einst mit der Realität von heute. Deshalb hängen die beiden so unterschiedlichen und doch im Dialog stehenden „Reisenotizen“ auch separat.

          Klemm fungiert für die „Reisenotizen“ gewissermaßen nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Kuratorin: Hat sie doch mit Janssen in Weimar zunächst die Zeichnungen Goethes angesehen, bevor sie sich überhaupt auf den Auftrag einließ. Auch die Auswahl der Werke hat sie getroffen und hat nicht nur die meisten Orte, auch solche, die sie schon kannte, neu in vielen längeren und kürzeren Reisen fotografiert. Aus ihrem Archiv stammen einige der hinreißendsten Naturstudien, zumal von Wolken, Mond und Wasser, die sie nun einmal in einem selbstgewählten und gehängten Kontext bestimmen kann. Für den Besucher, der im Erdgeschoss des Museums nun mehr als 60 Fotografien von Barbara Klemm und im ersten Stock das Werk Goethes betrachten kann, macht es einen nicht geringen Reiz aus, sein Bildgedächtnis zu prüfen, sich auf die Zugänge der beiden Künstler und auf das eigene Reisen im Kopf einzulassen. In zwei ebenfalls separaten „Lounges“ werden Filme über Goethe und Klemm gezeigt, laden Leseecken dazu ein, das Gesehene zu vertiefen: Das Museum gibt so gewissermaßen auch seinem Publikum Gelegenheit, im Goetheschen Geist Kunst und Leben zu vereinen.

          Goethe-Zitate betten nicht nur dessen Zeichnungen ein, sondern verweisen wiederum auf Klemms fotografischen Zugriff. Denn jene Haltung, die Goethe sich zu Zeiten des „Werther“ zuschreibt, spricht in gewisser Weise auch aus den Bildern Klemms: „Das Äußere liebevoll zu betrachten und alle Wesen, vom menschlichen an, so tief hinab als sie nur fasslich sein möchten, jedes in seiner Art auf mich wirken zu lassen.“

          Die Ausstellung „Reisenotizen“ im Bad Homburger Sinclair-Haus, Löwengasse 15, ist bis 9. Juni Dienstag von 14 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Freitag von 14 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Informationen im Internet unter www.altana-kulturstiftung.de. Der Katalog kostet 29,90 Euro.

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