https://www.faz.net/-gzg-vw5w

Bilanz der Buchmesse : Lässt sich das nicht leiser stellen?

Auch Mark Medlocks Buch findet seine Fans Bild: dpa

Es hilft dem Buch, wenn sein Autor prominent ist. Die Frankfurter Buchmesse ist ein ständiger Kampf um Aufmerksamkeit. In diesem Jahr kam das Leben der Literatur gefährlich nah. Tobias Rüther bilanziert.

          Man muss nur laut und lang genug schreien, dann hören schon alle hin, egal, ob man irgend etwas zu sagen hat oder nicht. Die Stimme muss nur verstärkt werden, dann wird sie schon zum Signal und hat ein Echo und hallt nach: „Seht, das bin ich!“, ruft Nikolai Kinski am Stand des Eichborn Verlags ins Mikro, und das Lustige daran ist, dass er das gar nicht ist, dieses Ich, was da gesehen werden will – sondern sein Vater, der große Klaus, der vor Jahren dieses Gedicht schrieb, das sein Sohn nun vorträgt auf der Frankfurter Buchmesse 2007. Oder wäre diese erkennungsdienstliche Interpretation auch verkehrt? Weil dieses Kinski-Ich, das da immer vernehmlicher und fiebriger fleht, identifiziert zu werden, am Ende doch nur erfunden ist, wie das bei Poesie und Prosa nun mal die Regel ist?

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nikolai Kinski jedenfalls wird immer schriller. „Ich bin das blaue Fiebertier der Erde!“, brüllt er ins Mikro, „ich bin Alarmsignal, Boje und Sturm!“, und wie er da brüllt („Ich bin der Wurm, der in den Brüsten wohnt!“), kommen von den Ständen drumherum die Verleger und Besucher und brüllen zurück: Kann man das vielleicht mal leiser machen, das gibt’s doch gar nicht, hier sind auch noch andere Gäste!

          Still, stumm und weltvergessen

          Es waren in der Tat viele andere Gäste auf der diesjährigen Buchmesse, die zurückhaltender auftraten und um so größere Wirkung zeigten, Honoratioren wie die Historiker Fritz Stern und Saul Friedländer zum Beispiel, manche Besucher gaben sogar damit an, wie oft sie den einen oder anderen an einem Tag allein gesichtet hatten (der Rekord lag bei fünfmal). Oder die vielen Mädchen und Jungen im Comic-Zentrum, die auf dem Boden hockten und in ihre Kladden zeichneten, still und stumm und weltvergessen – was für ein tröstender Anblick.

          „... und das ist auch gut so”, so heißt die Autobiografie von Wowereit

          Umgeben waren sie von großartigen Tusche-Seiten hinter Glas, einer Werkschau zu „Michel Vaillant“, dem berühmten Rennfahrer, der auf der Messe seinen fünfzigsten Geburtstag feierte. „Duell auf der Piste“, „Teufelskerle“, „24 Stunden unter Druck“ heißen die Hefte, es geht um Ruhm und Größe und Ehre, was sonst, das ist auf der Messe nicht anders. Sinnbildlich wurde das auf der Agora, wo der katalanische Ehrengast Türme aus Menschen, den traditionellen „Castellers“, baute – immer höher hinauf in den Himmel.

          Erst auf der Nadel wird's interessant

          Als am Montag der Deutsche Buchpreis im Römer an die Berliner Autorin Julia Franck ging, erwähnte der Börsenverein-Vorsteher Gottfried Honnefelder, dass auch die Vorjahressiegerin Katharina Hacker anwesend sei. Das war wahrscheinlich gar nicht so nebenbei gesagt: Der Preis muss seine Relevanz im dritten Jahr zwar immer weniger einfordern, aber weil die mediale Aufmerksamkeitsspanne zugleich immer kürzer wird, muss man den Augenblick eben nutzen, wenn die Kameras einmal fokussieren – und sagen: Wir waren schon im vorigen Jahr hier, und davor und dieses Jahr wieder, im nächsten kommen wir auch. Es wurde wohl genauso viel über Julia Francks Roman „Die Mittagsfrau“ geredet wie darüber, ob der Preis, mit dem er prämiert wurde, nun endgültig etabliert sei und wie sich das auf den Verkauf auswirke.

          In diesem Lichte wird der Rätselsatz Wolf Biermanns, den er über die Nobelpreisträgerin Doris Lessing fallenließ, fast ein Motto der Buchmesse. Goethe, so Biermann, habe über Schmetterlingssammler gesagt: Erst auf der Nadel wird’s interessant. Erst wenn etwas aus der Masse aufgespießt und unter das Brennglas genommen wird, soll das wohl heißen, schauen die Leute hin. Je aufgespießter, desto garantierter der Erfolg, und bei einer Messe, deren Zahlen abermals höher als im Vorjahr sind, mit 7.448 Ausstellern aus 108 Ländern und etwa 121.000 Neuerscheinungen, ist das existentiell.

          Weitere Themen

          Fonds statt Fummel

          FAZ Plus Artikel: Geldanlage : Fonds statt Fummel

          Frauen verdienen nicht nur weniger als Männer, sie legen auch weniger Geld an. Das soll sich ändern. Wie es geht, zeigt ein Börsenseminar.

          Topmeldungen

          Kommt heute nach Berlin: Boris Johnson

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.

          Kindesmissbrauch : Kardinal Pell bleibt hinter Gittern

          Der ehemalige Finanzchef des Vatikans hat in den neunziger Jahren zwei Chorknaben in Melbourne missbraucht. Die Vorsitzende Richterin spricht von einem Prozess, der ihr Land gespalten habe

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.