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: Beherzte Schnitte in die Fladenbrot-Fassade:

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Nicht nur die Liebe, auch die Kunst geht durch den Magen. Manchmal, man denke nur an die Kochwettbewerbe Rirkrit Tiravanijas im Portikus, kommen dem kulinarischen Genuß und dem sich daraus entwickelnden, Gemeinschaft stiftenden Erlebnis eine eigenständige künstlerische Bedeutung zu.

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          Nicht nur die Liebe, auch die Kunst geht durch den Magen. Manchmal, man denke nur an die Kochwettbewerbe Rirkrit Tiravanijas im Portikus, kommen dem kulinarischen Genuß und dem sich daraus entwickelnden, Gemeinschaft stiftenden Erlebnis eine eigenständige künstlerische Bedeutung zu. Seit Jahren bekocht er die Gäste seiner Ausstellungen in aller Welt und hat damit eine künstlerische Form gefunden, Plattformen für soziale Prozesse bereitzustellen. Wenn er nun gemeinsam mit Pierre Huyghe und der Kunsthistorikerin Pamela Lee im Portikus im Leinwandhaus spielerisch die Begegnung sucht mit dem Werk von Gordon Matta-Clark, wird es bei aller Leichtigkeit jedoch heikel.

          Dabei bleibt bewußt offen, was "Gordon Matta-Clark - In the belly of Anarchitect" eigentlich sein will. Hommage? Rekonstruktion? Annäherung an das verblüffend aktuell erscheinende Werk eines vor 35 Jahren gestorbenen Künstlers? Matta-Clark, der in den siebziger Jahren vor allem mit seinen spektakulären "Building-Cuts" bekannt wurde, verwandelte mit Kettensäge, Hammer und Flex Einfamilien-, Miets- und Lagerhäuser in skulpturale Gebilde im urbanen Raum, schnitt Formen aus, schuf Ein- und Durchblicke oder zerteilte ganze Häuser von oben nach unten. Nichts ist von diesen Werken geblieben bis auf Fotografien, Filme und einige wenige Fragmente. Zugleich war er zentrale Figur der sich Ende der sechziger Jahre in SoHo ansiedelnden Kunstszene, Mitbegründer des Restaurants "Food", in dem Künstler arbeiten, kochen und günstig essen konnten und das darüber hinaus zum sozialen Nukleus der Szene avancierte.

          Hier setzen Huyghe, Tiravanija und Lee an, suchen den Anschluß über den ereignishaften, auf Teilhabe zielenden Aspekt, der sich in Aktionen und einem Vortrag manifestierte: Als soziales, kommunikatives und kulinarisches Kunsterlebnis funktionierte "In the belly of Anarchitect" prächtig. Da wurde gegessen und getrunken und die den Ausstellungsraum wie ein Märchenhaus zunächst vollständig verhüllende Brotwand aufgeschnitten, bevor im Innern Matta-Clarks Filme einen Eindruck von der Fallhöhe zwischen dem Event und dem Werk des 1978 im Alter von 35 Jahren gestorbenen amerikanischen Künstlers vermittelten. Freilich wollen Huyghe, Tiravanija und Lee mit ihrem Projekt nicht mit dessen Werk konkurrieren.

          In der Gegenüberstellung aber ist es beinahe ein Schock, sieht man im Anschluß an Huyghes und Tiravanijas spielerisch-harmlose "Cuttings" in die Fladenbrot-Fassade den "Anarchitekten" selbst bei der Arbeit. Das fröhliche Zerteilen eines Tortenhauses vor den Bildern von "Splitting" erscheint weniger als eine Spiegelung denn als amüsante mundgerechte Aufbereitung. Die Intensität, die Wucht und die körperliche Arbeit, wie sie noch in Filmen wie "Day's End" oder "Conical Intersect" spürbar werden, lassen die spielerischen Aktionen blaß aussehen. Von den politischen Implikationen ganz zu schweigen. Und angesichts von "Food", dem 1972 auf 16 Millimeter gedrehten Film über das gleichnamige Restaurant, wirkt selbst die so heitere Vernissage wie ein nicht gänzlich geglückter Versuch, dem Kunstbetrieb der Gegenwart ein wenig Authentizität der Off-Szene zu reimplantieren. Als Ouvertüre, Aperitif oder heitere Hommage mag man "In the belly of Anarchitect" durchaus goutieren. Den ungleich nachhaltigeren Eindruck hinterläßt freilich das längst verschwundene Werk Gordon Matta-Clarks. CHRISTOPH SCHÜTTE

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