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Heldensinfonie in Frankfurt : Bekenntnis zur Freiheit

Improvisationen über „Eroica“: Am 22. September tritt das Stegreiforchester junger Musiker auf. Bild: Roman Novitzky

Mit der „Eroica“ steht zum Saisonauftakt in der Alten Oper eine im wahrsten Sinne revolutionäre Sinfonie im Zentrum des zweiwöchigen Musikfests. Unter dem Motto „Musik als Bekenntnis“ folgen weitere Konzerte und Diskussionen.

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          Schon von der puren Aufführungsdauer her übertrifft diese Sinfonie alles vorher Gewesene: Gut eine Dreiviertelstunde dauert Beethovens Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55, die „Eroica“, während normale klassische Gattungsbeiträge, wie auch die letzten von Haydn und Mozart, kaum mehr als eine halbe Stunde benötigen. Vor allem aber schlug Beethoven im Vergleich zu seinen Vorgängern mit dem berühmten Werk, das von Sonntag an bis zum 29. September im Zentrum des Musikfests zum Saisonauftakt in der Alten Oper steht, auch inhaltlich einen neuen Weg ein: Erstmals nutzte ein Komponist eine Sinfonie für ein gesellschaftliches oder politisches Statement. So klingt darin Musik der Französischen Revolution an, und ihre besondere Sprengkraft ist bis heute direkt spürbar. Der Weg führt dabei durchs Dunkel des Trauermarschs hindurch zu einer triumphalen Erleuchtung oder Befreiung im Finale.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Musik als Bekenntnis“ lautet daher der Untertitel des Musikfests, in dem die „Eroica“ als Bekenntnis zu einer freiheitlichen Gesellschaft oder jedenfalls als Musik verstehbar sein soll, die auf ihre Gegenwart Bezug nimmt und die persönliche Haltung des Komponisten ausdrückt. Das zentrale Werk dient so, wie immer im Musikfest, als Ausgangspunkt für ein breitgefächertes Programm mit beziehungsreichen „Nachkonzerten“, mit Diskussionen und Genreübergreifendem. Den Auftakt gibt am Sonntag mit Beginn um 11 Uhr das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Lorenzo Viotti, wobei die „Eroica“ der Tondichtung „Ein Heldenleben“ op. 40 von Richard Strauss gegenübersteht und danach noch, mit dem Blasorchester der Goethe-Universität, Musik der Französischen Revolution erklingt.

          Beethovens persönliche Bekenntnismusik

          Der Pianist András Schiff stellt in seinem Klavierabend am 19. September einen Bezug her, indem er unter anderem Beethovens Klaviersonate Nr. 12 As-Dur op. 26 spielt, in der die Anklänge an den Trauermarsch der ein Jahr später entstandenen „Eroica“ nicht zu überhören sind. Zeitgleich sind im Mozart-Saal der Jazzpianist Michael Wollny und der Sprach- und Performancekünstler Alex Nowitz „im Dialog“ zu erleben. Dabei beschäftigen sich Wollny, der zu den Stammgästen des Musikfests zählt, und sein ungewöhnlicher Duopartner mit dem Thema „Helden“, ebenfalls ausgehend von der „Eroica“. Das Tetzlaff-Quartett zeigt am darauffolgenden Abend auf, wie bei Beethoven die Entwicklung im Hinblick auf seine immer persönlicher werdende Bekenntnismusik weiterging: mit den späten Streichquartetten op. 130 und 132.

          Ein zentrales Projekt des Musikfests füllt in drei Konzertteilen und mit einer Diskussion den 21. September vom Spätnachmittag bis in die späten Abendstunden. Dabei geht es um „Musik als Bekenntnis“ im 20. Jahrhundert, die sich in der geistigen Beethoven-Tradition oft auch unter widrigen Umständen zu Freiheit und Selbstbestimmung bekannte. Maßgeblich daran beteiligt ist der Violinist Gidon Kremer und damit ein Künstler, der sich selbst diesen ethischen Zielen verpflichtet sieht. Er hat mit seinem Ensemble Kremerata Baltica und dem teils schon unter Hausarrest gestellten russischen Filmregisseur Kirill Serebrennikov für den Schlussteil „eine multimediale Hommage an Mieczyslaw Weinberg“ erarbeitet, mit welcher der vor 100 Jahren geborene, erst von den Nazis und dann von den Kommunisten verfolgte Komponist gewürdigt wird.

          Zwei völlig verschiedene Zugänge zur „Eroica“ eröffnen am 22. September nacheinander das vor vier Jahren von jungen Musikern gegründete Stegreiforchester (Foto), das über Elemente aus der „Eroica“ improvisiert, und das Orchester „Le Concert des Nations“, das unter der Leitung von Jordi Savall das Werk möglichst originalgetreu wie zu seiner Entstehungszeit 1804 erklingen lassen will.

          MUSIKFEST

          15. bis 29. September, Frankfurt, Alte Oper

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