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Barbara Klemms Kunstfotografie : Der Popo der Göttin

Foto aus „Barbara Klemm. Skulpturen. Fotografie“: Die Weltausstellung in Osaka 1970 Bild: Barbara Klemm

Bilder von Bildern, Kunst von Kunst – das ist derzeit in der Ausstellung „Barbara Klemm. Skulpturen. Fotografie“ in der Frankfurter Galerie Peter Sillem zu sehen. Die Erschafferin verband mit ihrer Fotografie allerdings andere Begriffe.

          2 Min.

          Aus dem Halbdunkel schauen die Gesichter und Hände der Frommen, schweben über den Gräbern der Könige. Von denen sind am prominentesten zu sehen: Füße. Genauer gesagt, Sohlen nackter Füße. Es sind die von François I. und seiner Frau Claude. Millionenfach ist ihr berühmtes Grabmal in der Kathedrale von Saint-Denis bei Paris fotografiert worden – aber nicht so.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist im Helldunkel reduziert auf die Gesten der Figuren, die, sähe man das Ganze, auf dem Dach der Grablege knien und beten, während unter ihnen die Sarkophage mit den Marmorskulpturen des kaum bekleideten toten Königspaares ruhen. Nun aber: Reduktion auf das Wesentliche. Das Flehen um göttlichen Beistand oben, gen Himmel, ist nur ausgedrückt in gefalteten Händen und flehenden Gesichtern. Unten die kunstvoll inszenierte Realität des Todes, die nackten und ausgesprochen edlen Füße: ein Bild vom Bild des Todes.

          Bilder von Bildern, Kunst von Kunst, das ist in der Ausstellung mit dem Titel „Barbara Klemm. Skulpturen. Fotografie“ derzeit in der Frankfurter Galerie Peter Sillem zu sehen. Übrigens auch, zu einem Teil, durch die Schaufenster der Galerie. Fotografiert worden sind sie in den vergangenen 50 Jahren, von der Weltausstellung in Osaka 1970 bis zum Palazzo Fortuny bei der Biennale in Venedig 2015. Denn dorthin, wo die Kunst im Mittelpunkt steht, geht Barbara Klemm immer gern. Ihre Künstlerporträts wie das von Andy Warhol vor Tischbeins „Goethe in der Campagna“ und Joseph Beuys während der Arbeit an seinem „Block Beuys“, der gerade 50 Jahre alt geworden ist, sind berühmt, mehrere Bände sind dazu erschienen.

          Von Kindesbeinen an von Kunst umgeben

          „Kunst“ ist allerdings nicht unbedingt Barbara Klemms Lieblingswort – jedenfalls was ihre eigenen Fotografien anbelangt. Oft hat sie mit einer leisen Geste Distanz eingelegt, wenn man ihre Arbeit als Kunst bezeichnete. Schien sich damit nicht wohl zu fühlen. Handwerk, Tagesjournalismus, Zeitenbilder, auch das Glück des richtigen Moments – das waren eher Begriffe, die sie selbst mit ihrer Fotografie verband. Die langjährige Redaktionsfotografin dieser Zeitung, Tochter des Malers Fritz Klemm, ist aber nicht nur seit vielen Jahren selbst mit ihren Arbeiten in Museen und Kunstsammlungen präsent. Sie hat, von Kindesbeinen an von Kunst umgeben, einen ganz besonderen Blick auf Werke und Künstler, den jetzt auch die mit ihr gemeinsam gestaltete Hängung der Silbergelatineabzüge in gleichem 40-mal-30-Format in der Galerie unterstreicht.

          Die Aufnahme 'Albertinum, Dresden, nach der Flut' machte Barbara Klemm im Jahr 2002.

          James Turrells Werk ist, wie das von Beuys, gleich mehrfach vertreten, vor allem durch eine Serie von sechs Aufnahmen aus Turrells monumentalem Land-Art-Projekt „Roden Crater“ aus dem Jahr 2004. Klemm hat die menschenleeren Gänge, Kuppeln und Lichteffekte selbst wiederum in einen künstlerischen Zusammenhang gebracht, der sich in der Reihung der Aufnahmen spiegelt. Worin allerdings der besondere Blick liegt, der auch Klemms Fotografie immer auszeichnet, ob sie spielende Kinder oder Politiker fotografiert, zeigen vor allem jene Aufnahmen, die diesen Blick mit jenem der Kunstbetrachterin zusammenführen.

          Da sind Natur und Kunst wie die monumentale Lichtshow in Abu Simbel, das Meer hinter den Windkämmen von Eduardo Chillida in San Sebastián. Vor allem aber Motive wie der von Christo verpackte Reichstag, vor dem, ebenso verpackt, Passanten durch fieses Regenwetter stapfen, während eine alte Plastiktüte vom Wind vor die Christo-Folie getrieben wird: eine Momentaufnahme wie ein Arrangement. Oder japanische Besucher, die in einer Installation in Osaka aussehen, als spielten sie Verstecken. Klemm findet nicht nur den Reiz von Werk und Raum, sie findet oft auch das Gewitzte, wenn sie auf die Kunst schaut. Wer nun auf die Fotografien blickt, kann es mit Vergnügen öfter tun, um alle Linien und Bezüge herauszufinden, die schon beim ersten Blick die Spannung des Bildes ausmachen. Und stellt dann fest, dass die schönen Rundungen der antiken Skulpturen in der Centrale Monte Martini, der Außenstelle der Kapitolinischen Museen in Rom, einen beträchtlichen Reiz aus der Tatsache ziehen, dass sie vor ebenso rundlichen historischen Rohren aufgestellt sind. Auch ein Kesselraum hat schöne Kurven.

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