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Milky Chance : Von der Notwendigkeit, traurig zu sein

  • -Aktualisiert am

Weltstars: Clemens Rehbein (links) und Philipp Dausch (rechts) Bild: Anthony Molina

Aus dem hessischen Kinderzimmer auf die Bühnen der Welt: Die Band Milky Chance stammt aus Kassel, hat aber für Lady Gaga schon gegen das Coronavirus gespielt.

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          Zahllose Musikerbiographien beginnen geradezu märchenhaft. Einer Überprüfung durch die Realität halten die aufgehübschten Geschichten vom traumhaften Übernachterfolg meist nicht stand. Der kometenhafte Aufstieg erweist sich bei näherer Betrachtung als um einiges arbeitsintensiver und weit weniger glatt als in der geschönten Version. Aber es gibt Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

          Clemens Rehbein und Philipp Dausch, ein seit 2012 unter dem Bandnamen Milky Chance aktives Folktronica-Duo aus Kassel, ist das schier Unmögliche dank eines unverwechselbaren Konzepts tatsächlich gelungen. „Kennengelernt haben wir uns in der elften Klasse der Kasseler Jakob-Grimm-Schule, als ich mit Clemens und einigen weiteren Freunden die Band Flown Tones gründete“, erinnert sich Dausch, der zahlreiche Instrumente beherrscht, an den gemeinsamen Start im Abiturjahr 2012: „Nach Konzerten und Erfahrungen als Straßenmusiker starteten Clemens und ich ein neues Projekt.“

          Aus dieser Frühphase existiert ein bemerkenswerter Clip auf Youtube. Vor einer Handvoll Passanten in der Kasseler Innenstadt spielen Flown Tones mit Dausch an der Sologitarre und Rehbein am Bass den rustikalen R-’n’-B-Standard „Let’s Go Get Stoned“. Wenig später entstand in Rehbeins zum Studio umfunktionierten einstigen Kinderzimmer das erste eigene Material. Ebenfalls auf Youtube erlebte noch im selben Jahr einer dieser eigenen Songs, „Stolen Dance“, seine Weltpremiere. Der erste kleine Schneeball, der schon bald eine gewaltige Lawine auslösen sollte, war ins Rollen gekommen. Nach mehreren hunderttausend Klicks sowie weiterem Material auf Soundcloud und Youtube folgten beim Kasseler Indie-Label Lichtdicht Records die Single „Stolen Dance“ und das mit einem Wortspiel aus „traurig“ und „notwendig“ betitelte CD-Debüt „Sadnecessary“ (2013).

          Corona-Benefizkonzert

          Zwei weitere Alben, zahllose Konzerte und sieben Jahre später sind die zusammen mit dem Gitarristen Antonio Greger und dem Schlagzeuger Sebastian Schmidt längst zum Quartett gewordenen Gründer von Milky Chance unter den wenigen deutschen Künstlern mit nachhaltigem Weltruf. Als Lady Gaga im April zusammen mit Global Citizen und der Weltgesundheitsorganisation das von ihr kuratierte Benefizkonzert „One World: Together at Home“ gegen die Corona-Pandemie streamte, befanden sich unter den internationalen Musikstars als einzige deutsche Vertreter auch sie.

          Kurz darauf legten die umtriebigen Hessen, deren im Dezember in Kanada gestartete Welttournee sie im März in die ausverkaufte Frankfurter Jahrhunderthalle führte, ehe die Tour einige Tage später in Schweden aufgrund des allgemeinen Lockdowns abrupt endete, einen neuen Song vor. „Don’t Let me Down“ ist eine Zusammenarbeit mit keinem Geringeren als dem amerikanischen Singer-Songwriter Jack Johnson. „Wir lieben Johnsons Musik seit unserer Teenagerzeit und haben seine Songs sogar bei diversen Projekten gecovert“, erzählt Dausch. Erstmals trafen er und seine Kollegen ihn 2018 in der Schweiz, dann begegneten sie ihm ein weiteres Mal beim Festival Sea Hear Now in den Vereinigten Staaten: „Dort lud er uns spontan zu einer Jamsession in seine Garderobe ein.“

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          Seit den Anfängen ist auch im Bandgefüge so einiges ins Rollen gekommen. Habe Rehbein die Songs des Debüts noch allein verfasst, verteile sich das seit dem zweiten Album „Blossom“ (2017) schon gleichmäßiger, sagt Dausch. Seit „Mind the Moon“ (2019) trügen vermehrt auch Greger und Schmidt Ideen zum Aufnahmeprozess bei. Ein paar weitere neue Songs sollen 2020 noch folgen, ein viertes Album aber sicherlich erst 2021.

          Konzerte transportieren Gefühle

          Die Entfremdung von ihrem sozialen Umfeld habe die Band bislang vermeiden können, sagt Dausch: „Wir fühlen uns sehr verwurzelt, haben uns nicht verloren in dem Strudel und dem ganzen Getoure, was sicherlich schneller passieren kann, als man glaubt.“ Das Umhertouren, die vielen verschiedenen Orte und Menschen hätten die Weltsicht der Band stark geprägt: „Vielseitigkeit war und ist für uns extrem wichtig, in der Musik und in der Welt, in der wir leben. Unsere Familie und Freunde haben uns immer sehr gestützt und waren unglaublich wichtig.“ Da lässt sich auch der gemeinsame Umzug sämtlicher Bandmitglieder und ihrer Familien von Kassel nach Berlin gut bewältigen.

          Auf die Frage, welches Medium die Musik von Milky Chance optimal transportiert, kommt Dauschs Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Definitiv Konzerte. Der unmittelbare Kontakt zu Menschen, die direkte Reaktion und der Austausch von Gefühlen imponieren uns sehr.“ Am 23. August geht es mit einem Picknickkonzert im Berliner Marienpark wieder los.

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