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„Ballet Revolución“ : Ein Leben für den Tanz

Dancing in the Street: Yordi Pérez Cardoso (links) und Mariem Valdés Martinez bieten inmitten von Cienfuegos eine Tanzeinlage. Bild: Sven Creutzmann

Yordi Pérez Cardoso gehört zu den Stars des Spektakels „Ballet Revolución“. Sein Talent und auch sein Wille haben ihn aus einem Wohnblock in Ciudad Nuclear auf die Bühnen gebracht.

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          Die Geschichte beginnt mit dem Ende der Geschichte. So lautete der Titel eines 1992 veröffentlichten Buchs des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama, in dem er die These vertrat, die liberale Demokratie habe sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gegen alle real existierenden Staats- und Wirtschaftssysteme durchgesetzt.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In Kuba, bis heute ein realsozialistischer Staat, sieht man die Lage vermutlich noch immer anders, doch bedeutete auch auf der Karibikinsel das Ende der UdSSR das Ende einer Geschichte, nämlich der des ersten kubanischen Kernkraftwerks. Das sollte auf einer Landzunge im Süden der Insel, unweit der Hafenstadt Cienfuegos, errichtet werden. Seit 1983 wurde auf einer großen Baustelle gearbeitet, doch als 1992 die sowjetische Hilfe ausblieb, kam das Projekt zum Stillstand. Geblieben ist eine Bauruine. Beim Blick über die Jagua-Bucht ist sie noch immer gut zu erkennen, allerdings erinnert sie inmitten des Grüns der wuchernden Vegetation nun eher an eine untergegangene Tempelstadt am Ende der Welt.

          Wohnblock in der „Nuklear-Stadt“

          Doch ist dieses Ende der Welt nicht etwa verlassen und menschenleer. Am Ende einer ausgefahrenen Schotterpiste findet sich tatsächlich eine Ansiedlung mit einem hochfliegenden Namen: Ciudad Nuclear. Diese „Nuklear-Stadt“ sollte Wohnungen für bis zu 4000 Ingenieure und Arbeiter bieten, wurde allerdings nie zu Ende gebaut. Betongerippe künden noch immer von den einstigen Plänen. Doch es gibt auch einige Wohnblöcke, die seinerzeit fertiggestellt und bezogen wurden und bis heute bewohnt werden. Die Gebäude sind solide gebaut, es gibt Strom und Wasser und es fand sich andere Arbeit als in einem Kraftwerk, was etwa den Ingenieur Lazaro Pérez und die Pädagogin Zoraida Cardoso bewogen haben dürfte, in Ciudad Nuclear zu bleiben und dort auch Kinder, einen Sohn und eine Tochter, großzuziehen.

          Für deren Bildung wie auch deren Zerstreuung war vor Ort gesorgt, gab und gibt es doch in jedem Wohnblock Kulturbeauftragte, die Musik,- Tanz- oder Theateraufführungen organisieren, Unterricht anbieten und koordinieren und in gewisser Weise auch als Talent-Scouts fungieren. Wird in Kuba Bildung generell große Bedeutung zugemessen und nicht zuletzt über Massenorganisationen versucht, jeden Kubaner ins staatliche System einzubinden, gibt es sehr wohl auch eine Bestenförderung, die schon im Kindesalter einsetzt.

          Der 25 Jahre alte Tänzer Yordi Pérez Cardoso kann davon erzählen, führten den Sohn von Lazaro Pèrez und Zoraida Cardoso doch sein Talent und auch sein Wille von einem Wohnblock am Ende der Welt in ein angesehenes Ensemble in Havanna und schließlich auf die Bühnen großer Theaterhäuser und Veranstaltungssäle in aller Welt. Dieser Weg war allerdings nicht vorgegeben. Als Yordi im Alter von zehn oder elf Jahren auf Empfehlung an die Escuela de Arte Benny Moré in Cienfuegos kam, eine jener auf Musik, Tanz und Bildende Kunst ausgerichteten Förderschulen, die es in jeder kubanischen Provinz gibt, fiel den Lehrerinnen zwar gleich das Bewegungstalent des Jungen auf, allerdings auch ein Manko. „Er war sehr dünn, als er an die Schule kam“, erinnert sich die Sportlehrerin Niurka Conde an ihren einstigen Schützling: „Er musste sich erst einmal einige Muskeln antrainieren.“ Das tat Yordi, der sich an der Schule sowohl auf traditionellen als auch auf zeitgenössischen Tanz spezialisierte, denn auch mit großer Hingabe. „Er war ein Paradebeispiel für Willen und Einsatz“, schwärmt seine Sportlehrerin noch heute.

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