https://www.faz.net/-gzg-nlzc

"Badesalz" : Das Wesen des gemeinen Hessen

  • Aktualisiert am

Doch, man sollte sich erkundigen. Denn wenn die beiden Provinzkomiker zum Betriebsfest bei Sanitär Müller in Offenbach wirklich ihr Euro-Musical auf die Bühne zaubern sollten, dürfte das ein unvergeßliches Erlebnis werden.

          2 Min.

          Doch, man sollte sich erkundigen. Denn wenn die beiden Provinzkomiker zum Betriebsfest bei Sanitär Müller in Offenbach wirklich ihr Euro-Musical auf die Bühne zaubern sollten, dürfte das ein unvergeßliches Erlebnis werden. Edgar als Euro, Schmitti als Währungskrise, dazu Dollar und Börse, und als Gaststar Joy Fleming in der Rolle der "dicken, beleidigten D-Mark". Das wäre so recht nach dem Geschmack von "Badesalz": "Net nur lustisch, sondern auch kritisch." Aber das wäre ja fast schon wieder Kabarett, und das ist nicht das, was hessische Handwerker von den Garnituren haut. "Die wolle was sehe, wo se e Woschtbrötche dabei esse könne."

          Und so müht sich das hessischste aller Comedy-Duos in ihrem aktuellen Programm "Hammersbald?" als Edgar und Schmitti mehr als zwei Stunden, eine zündende Idee für die Betriebsfeier zu finden. Doch das Publikum im Großen Haus des Frankfurter Schauspiels zieht nicht richtig mit: "Samma seid ihr bescheuert oder was?" So schwer kann das ja wirklich nicht sein. Eine Band mit so langen Haaren, "wo der Schlagzeuger im Sitzen gespielt hat". Na also, die "Lords", und schon gibt Gerd Knebel den Rockstar an der "Stromgidda", schüttelt sein Haar und schiebt das Becken nach vorne, ganz so, wie es die Fans an der Luftgitarre vor Jahrzehnten bei "Flatsch" oder Henni Nachtsheims "Rodgau Monotones" geübt haben mögen. Hier, in der lustvollen Parodie ihrer selbst, sind "Badesalz" immer noch am besten.

          Als Rocker, Ritter und Proleten in abenteuerlichen Kostümen, mitten im Herzen des zur Absurdität gesteigerten Klamauks, der auch nach bald 20 Jahren immer noch komischer ist als das meiste, was seither als Comedy auf deutschen Bühnen Karriere gemacht hat. Schwächer sind sie ausgerechnet da, wo der Inhalt die Form dominiert, wo sie zeigen wollen, daß sie mehr können als komisch sein. Klassische Kabarettisten waren sie nie - und werden sie nie sein. Dafür können sie grottenschlechte Witze mit und ohne Pointe so erzählen, daß man lachen muß. Knebel und Nachtsheim könnten sich einen Abend auf die Bühne setzen und nichts tun, als Schoppen trinken und Handkäs essen, das hessische Publikum würde ihnen zu Füßen liegen.

          "Badesalz" kennen ihre Hessen, und deshalb sind sie gut. Wenn sie das Seelenleben von Haushaltsgeräten durchleuchten oder ein holprig schüttelgereimtes Gedicht zum besten geben oder der Quizkandidat den Moderator zur Verzweiflung bringt, dann versteht man, wenn Zugereiste erstaunt berichten, mit "Badesalz" nach 10 Jahren Kopfschütteln dem Wesen des gemeinen Hessen auf die Spur gekommen zu sein. Einer, der alles besser weiß, aber das nicht immer so genau. Und deshalb so drauflosbabbelt. Oder, mit den Worten von Schnellbabbler Gerd Knebel: "Der eine sacht was, der anner hört zu. Dann kommt noch der Wind, und die Worte sind weg." Und so geht es immer weiter, solange es Hessen gibt. CHRISTOPH SCHÜTTE

          Weitere Themen

          Börsenglocke zum Geburtstag Video-Seite öffnen

          F.A.Z. wird 70 : Börsenglocke zum Geburtstag

          Nein, die F.A.Z. geht nicht an die Börse. Dass Werner D'Inka, seine Mit-Herausgeber und die Geschäftsführer die Eröffnungsglocke auf dem Frankfurter Parkett läuten durften, war ein Geschenk der Deutschen Börse zum 70. Geburtstag.

          Topmeldungen

          Vereitelter Anschlag : Sie wollten möglichst viele „Ungläubige“ töten

          Drei Männer sollen einen Anschlag mit Sprengstoff im Rhein-Main-Gebiet geplant haben. Laut Polizei waren die Pläne weit fortgeschritten. Die drei Männer aus Offenbach sollen Verbindungen zum IS haben.

          Bevölkerungswachstum : „Ein politisch heikles Thema“

          Die Demographie-Forscherin Alisa Kaps über die Weltbevölkerungskonferenz, schwierige Gespräche mit afrikanischen Regierungschefs, Gegenwind von Abtreibungsgegnern und darüber, wie Rechtspopulisten das Thema Bevölkerungswachstum besetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.