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Moka Efti Orchestra : Babylon Darmstadt

Tanz auf dem Vulkan: das Moka Efti in der Serie „Babylon Berlin“ Bild: Frédéric Batier

Auf den Spuren von Tom Tykwers Erfolgsserie: Das Moka Efti Orchestra bringt den Klang der Zwanziger-Jahre in die Darmstädter Centralstation.

          Herren mit Westen und Hosenträgern, wie sie die Kriminalpolizisten in der Serie „Babylon Berlin“ tragen. Damen mit Trägerkleidern und Federboa, glitzernden Stirnbändern und großperligen Ketten, eine Ausstaffierung, mit der sie auch 1929 im Berliner Nachtleben einen glänzenden Auftritt gehabt hätten. Aber nicht nur mit der damaligen Mode kennt sich das Publikum im überfüllten Saal aus. Sondern auch mit Figuren und Orten aus den 16 Folgen der Fernsehserie. Was Nikko Weidemann sofort bemerkt, der Mann mit Augenklappe und Zylinder am Piano, Mitkomponist der Musik für „Babylon Berlin“. Jede Anspielung wird verstanden. Er braucht nur „Armenier“ zu sagen, und ein Raunen geht durch die Menge. Den Unterwelts-Chef und Besitzer des Moka Efti kennen selbstverständlich alle hier. Weidemann lobt die kenntnisreichen Besucher. Man ist unter sich.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Darmstädter Centralstation hat sich für diesen Abend in den fiktionalen Unterhaltungspalast von fragwürdiger Reputation verwandelt, einst eine legendäre Institution in der Hauptstadt, tagsüber ein Kaffeehaus, nachts ein Etablissement für Vergnügungssüchtige mit Hang zur Tanzwut. Und einer der wichtigsten Schauplätze in Tom Tykwers aufwendiger Verfilmung des Romans „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher. Die TV-Serie schaffte, was in Zeiten von Streaming-Diensten und einer unüberschaubar gewordenen Auswahl an Programmen eine Seltenheit geworden ist: ein mediales Ereignis zu werden, das ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt hat wie einst nur die Durbridge-Krimis im seinerzeit einzigen deutschen Kanal. Und plötzlich hatten die Roaring Twenties wieder Konjunktur.

          Das für die Serie zusammengestellte Moka Efti Orchestra sah daher auch keinen Grund, sich nach den Dreharbeiten aufzulösen. Derzeit tourt es durchs Land. In Darmstadt wird es gefeiert. Eine Big Band mit einem leicht schrägen, rauhen, vorwärtstreibenden Sound, der die Menschen in Feierlaune und eine spannungsgeladene Atmosphäre versetzt. Zurück in eine aufregende Epoche. Als Deutschland zwar schon ins politische Verderben taumelte, aber noch niemand etwas vom Ausmaß des kommenden Unheils wissen konnte. Die letzten Jahre der Unschuld. Und zumindest nachts eine Zeit fiebernder Ausgelassenheit.

          Die Musik drückt all das aus. Dabei ist sie nicht wirklich authentisch. Etwas Ragtime ist dabei, ein wenig Django Reinhardt. Tango, Blues, Berliner Gassenhauer ergeben eine wilde musikalische Mischung, von 14 Herren im Frack mit Seidenschal in den Raum geblasen, gegeigt, getrommelt, mit Bass, Banjo und Klavier verziert. Einige Vokalnummern gibt es auch. Der Soundtrack aus „Babylon Berlin“, geschrieben von Nikko Weidemann, Mario Kamien – der bei der Tournee als Sänger auftritt – und Tom Tykwer, macht den Hauptteil des Konzerts aus. Zweimal tritt die leibhaftige Severija auf, die für die Bühnenshow mit Band auf ihren Nachnamen Janušauskaite verzichtet. Als russische Nachtclubsängerin mit androgynem Äußeren verbreitet die Spionin in der Serie wohlig-apokalyptische Stimmung.

          In Darmstadt ist sie unkostümiert zu erleben. Mit einer extrem gefühligen Version des „Traurigen Sonntags“ auf Russisch. Und natürlich mit „Zu Asche, zu Staub“. Männer und Frauen geraten aus dem Häuschen, viele zeigen sich erstaunlich textsicher und singen mit. Smartphones werden gezückt, somit der Blick auf die Bühne verstellt, um Videos in grottenschlechter Qualität aufzunehmen. Dabei geht doch nichts über das Originalgefühl, den sanften Schauder, der einem über den Rücken jagt beim musikalischen Live-Geschehen im überhitzten Raum. Ein grandioses Arrangement mit einem langen Schlagzeugsolo, die wehmütig-laszive Stimme der Sängerin, Worte, die poetisch verschlüsselt sind und dennoch unverkennbar vom Tanz auf dem Vulkan erzählen: Die Zuhörer sind entzückt. Und die Sehnsucht nach ein bisschen Babylon scheint mit Händen zu greifen.

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