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Autor und DJ Klaus Walter : Der Spielwütige

Klaus Walter. Bild: Helmut Fricke

Der Frankfurter Autor und DJ Klaus Walter bedient die Diskursmaschine aus Wort und Pop - bei der „Frankfurter Hörschule“ im Schauspiel.

          Einen Spruch, ausgerechnet einen Songtitel der Rolling Stones, kann Klaus Walter nun wirklich nicht leiden: „It's only Rock'n'Roll (but I like it)“. Was soll das heißen, „nur“ und „aber“? Wenn man Klaus Walter zuhört, merkt man ziemlich schnell, dass die sogenannte Popkultur längst unser aller Modell ist - und dass es sich lohnt, genauer hinzuhören.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Walter und Matthias Westerweller alias Weller, Moderatorenkollegen im Internetradio Byte FM, das seit geraumer Zeit außerhalb des "Zündfunks" im Bayerischen Rundfunk wohl die letzte Zufluchtsstätte für Leute ist, die Qualität auf die Ohren bekommen möchten, betreiben nun im Auftrag des Schauspiels einmal im Monat die „Frankfurter Hörschule“.

          Das geht dann ungefähr so: An einem Abend um halb elf sitzen Leute zwischen 20 und 60 in der Glaslounge des Schauspiels Frankfurt, die neuerdings den Namen "Panorama Bar" trägt. Man schaut raus auf den Willy-Brandt-Platz und die Lichter der Stadt, bestellt Bier oder Cocktails und hört zwei DJs zu, die das Phänomen der "Nullerjahre" mal nicht blöd lässig oder supercool mit irgendwelchen Listen abarbeiten. Walter und Weller erinnern an den Sound der vergangenen Jahre, springen zu Literatur, Politik, Lebensgefühl - ein Zeitbild entsteht, in dem dennoch kein einziger sogenannter Megastar Platz hat oder vielleicht gerade deswegen.

          Seit Intendant Oliver Reese das Foyercafé in "Panorama Bar" umbenannt hat, ist es ein öffentlicher Ort geworden, der an jedem Abend geöffnet hat, an dem Vorstellungen sind. Man kann dort sitzen, reden, trinken und das Extraprogramm erleben, das viel Wert auf Musik legt. Demnächst gastiert Kinky Explosion, und im März geht es um „Die Platte, die mein Leben veränderte“.

          Das dürfte Klaus Walter gefallen. Denn der, Jahrgang 1955, in Frankfurt geboren und ansässig, glaubt seit seiner frühen Kindheit daran, dass Musik identitätsstiftend ist und dass es Songs gibt, die ein Leben verändern. Und trotz der Vereinzelung der Generation MP3, die stets allein unter ihrem Kopfhörer sitzt, hat Pop, von „populär“ kommend und als Massenphänomen wirkend, für ihn immer eine gesellschaftliche und kollektive Komponente. Das gemeinsame Hören und das Reden über Musik haben Walters Lebensweg bestimmt: Die Urszene in der Familie war die „Frankfurter Schlagerbörse“, die der Grundschüler im Radio hörte. Deutscher Schlager und „englische Affenmusik“, wie man damals sagte - ein „Kulturkonflikt“, der ihn merken ließ: „Da steckt noch viel mehr drin als nur Musik.“

          Walter hat irgendwann begonnen, so viel Zeit und Arbeit auf die Untersuchung dessen, was drinsteckt, zu verwenden, dass "aus Versehen ein Beruf daraus geworden ist". Das Jurastudium gab er nach vier Semestern wieder auf, studierte ein wenig Germanistik und Anglistik und legt seit Ende der siebziger Jahre auf, zuerst im damaligen Galluszentrum - „der einzige Ort, an dem man neue Musik hören konnte“ -, später in der Batschkapp bei der von ihm mitbegründeten Reihe „Idiot Ballroom“.

          Und dann kam das Radio. Der Sportsfreund, Journalist, Buchautor und DJ hat beim Hessischen Rundfunk von 1984 bis 2008 eine unter Musikfreunden hochbeliebte Sendung gestaltet, ein maßgeschneidertes Werk namens "Der Ball ist rund". Sie fiel wie das Format „Schwarzweiß“ der „Durchhörbarkeit“ zum Opfer, schon 2004 hatte der Sender an seinem Nicht-Mainstream-Programm massiv gekürzt. Heute arbeitet Walter zwar immer noch beim HR, schreibt Moderationen, Rezensionen und macht eigene Beiträge, er arbeitet für den „Zündfunk“, Sendungen des Modells „Der Ball ist rund“ aber macht er im Internet, beim vielgerühmten, aber mittellosen Sender Byte FM. „Der Widerspruch im System besteht im Grunde darin, dass das ,old school radio' jetzt im Massenphänomen Internet seine einzige Plattform gefunden hat“, sagt Walter. Was den Feuilletons große Artikel wert sei, eine neue Platte von Björk oder Tom Waits, sei im Rundfunk kaum zu hören. So viel Musik fehle dort - man hört sie im Internet oder, wie jetzt, im Schauspiel.

          Dass die Sache ausgerechnet „Frankfurter Hörschule“ heißt, hat nicht nur Witz. Man lernt tatsächlich viel dabei, wie auch jüngst bei Walters Abend „Ist Glück ein warmes Gewehr?“ der, als Begleitveranstaltung zu der Inszenierung „Das weiße Album“ ebenjenes legendäre „White Album“ der Beatles vorstellte - als Radiofeature mit Bild. Und wenn Walter von den nackten Füßen Paul McCartneys über John Lennons Tod zu dem Buch „Der Fänger im Roggen“, das Lennons Mörder Chapman ebenso dabeihatte, wie es Charles Manson las, dessen Bluttaten unter anderem den (falsch geschriebenen) Songtitel „Helter Skelter“ aus dem Weißen Album bemühten, kommt, dann versteht man, warum er den „Dünkel“ nicht leiden kann, mit dem viele Leute immer noch glauben, „dass man für Popmusik keine Recherche, Zeit und Energie braucht“.

          Die Entdeckerfreude Walters an neuer Musik ist ungebrochen - „zeitschriftensüchtig“ und musiklustig, ist er auch nach 35 Jahren im Geschäft. Popkulturelle Bildung funktioniert als Patchwork mit keinem geringen Ziel. Im besten Fall kommt dabei heraus: „Geschmack und Herzensbildung“. Walter gibt selbst zu, das könne „eine sehr romantische Vorstellung“ sein.

          Abende wie seine, „kleine Diskursmaschinen aus Wort und Musik“, ein kommentierendes Auflegen vor Publikum sind im Grunde das, was er schon immer tut. Nur die Formen haben sich verändert. Wenn man im Internet nach „Der Ball ist rund“ sucht, findet man auf den Seiten des Hessischen Rundfunks immer noch den Hinweis: „Klaus Walter präsentiert jeden Sonntag Musik abseits des Mainstream.“ Die letzte Sendung war am 28. Dezember 2008, der letzte Track „Was ist Musik“ von Justus Köhncke. Genauso heißt eine der Sendungen von Walter im Internet: „Was ist Musik“. Und Walters Antwort: „Alles.“

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