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Ausstellungen : Alchimistischer Ort der Erinnerung: Louise Bourgeois

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Über glückliche Familien gebe es keine Geschichten zu erzählen, sagt Louise Bourgeois. Gutbürgerlich war nur die Fassade ihres Elternhauses. Dies führte zu einem Trauma, das in der grausigen Installation "The Destruction of the Father" kulminierte.

          Über glückliche Familien gebe es keine Geschichten zu erzählen, sagt Louise Bourgeois. Mit ihrer eigenen Kindheitsgeschichte hat sich die 1911 geborene frankoamerikanische Künstlerin obsessiv auseinander gesetzt: Gutbürgerlich war nur die Fassade ihres bei Paris gelegenen Elternhauses, wo man von der Restaurierung historischer Gobelins gut lebte und sogar eine englische Hauslehrerin für die Kinder einstellen konnte. Die Dame wurde jedoch alsbald die Geliebte des Vaters, die Mutter verzweifelte, duldete aber die menage a trois zehn Jahre lang. Und für Louise Bourgeois führte diese sie zutiefst verstörende Situation zu einem Trauma, das in ihrer Kunst lange eine Rolle spielte und in der grausigen Installation "The Destruction of the Father" kulminierte.

          Aus dem Arsenal ihrer schockierenden Werke hat man sich bei Louise Bourgeois' Doppelausstellung freilich nicht bedient, die im Kulturzentrum Englischen Kirche in Bad Homburg (Ferdinandsplatz) und der benachbarten Galerie Scheffel (Ferdinandstraße 19) gezeigt wird. Immerhin bietet eine "Nature Study # 5" aus dem Jahr 1995, ein großer rosa Marmorblock, der ganz vorn im sparsam inszenierten Kirchenraum steht, ein ziemlich überraschendes Innnenleben mit mehreren Brüsten, einer Gießrille und einem Abfluß: Suggeriert wird ein praktischer Zweck, der freilich beim besten Willen nicht auszumachen ist. Oder sollen die Busen am Ende symbolisch feucht gehalten werden?

          Im Chor der Kirche hat "Le Defi II" (die Herausforderung) einen raumbeherrschenden Platz gefunden. Die Installation besteht aus einem großen rollbaren Stahlgestell, das mit einer Vielzahl von Gläsern in unterschiedlichen Formen und Größen beladen ist, von Käseglocken über Flakons, Labor- bis zu Schnapsgläsern. Zumindest auf den ersten Blick läßt nichts an ein sekundäres Geschlechtsmerkmal denken, das Gefühlsthema wird hier allenfalls mit zwei kleinen Inschriften "je t'aime" angesprochen. Ein alchimistischer Ort der Erinnerung? 1938 war Louise Bourgeois, die zunächst Mathematik an der Sorbonne, später Kunst unter anderem bei Fernand Leger studiert hatte, nach New York übergesiedelt. Dort heiratete sie im gleichen Jahr den renommierten Kunsthistoriker Robert Goldwater, mit dem sie drei Söhne hatte.

          In den folgenden Jahren experimentierte sie einsam und allein , "a tribe of one", mit sämtlichen gängigen Kunstrichtungen wie Surrealismus, Abstraktion, Minimal oder Concept art. Die kategorienfreudige New Yorker Kunstkritik rechnete sie schließlich der "eccentric abstraction" zu. Erst ihre große Retrospektive im Museum of Modern Art im Jahr 1982 bracht ihr den Durchbruch, und seither ist Louise Bourgeois auf Ausstellungen wie der Biennale in Venedig oder der Documenta in Kassel vertreten. In Bad Homburg ist jetzt eine kleine, aber qualitätvoller Auswahl ihres OEuvres zu sehen. (Bis 26. September. Englische Kirche: Geöffnet Dienstag bis Freitag 16 bis 19 Uhr, am Wochenende 14 bis 18 Uhr. Galerie Scheffel: Geöffnet Dienstag bis Freitag 14 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 15 Uhr.) KONSTANZE CRÜWELL

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