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Ausstellung zu Rassismus : Die Perspektive wechseln

Umgekehrte Rollen: Das Foto „Pediküre“, das zur Ausstellung im Historischen Museum gehört, spielt mit den Erwartungen des Betrachters. Bild: Chris Buck

Das Historische Museum Frankfurt und die Bildungsstätte Anne Frank nehmen gemeinsam Kolonialismus und Rassismus in den Blick. Deutlich wird, wie sich Sichtweisen je nach biographischer Erfahrung unterscheiden.

          3 Min.

          Ein Opernglas kann nicht nur den Blick schärfen, es kann auch die Perspektive umkehren, die Verhältnisse geradezu umdrehen. Man muss es nur richtig verwenden. So wie Kwelle Ndumbe im Sommer 1896. Mit rund hundert anderen Menschen und geraubten Kunstwerken aus den damaligen Kolonien war er nach Berlin gebracht worden, wo er auf einer Kolonialausstellung wie ein exotisches Tier begafft wurde. Ndumbe blickte zurück. Und er tat das mit einem Opernglas, damit die Schaulustigen es auch merkten.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „In dieser Sekunde wechselten Objekt und Subjekt, in diesem Moment wurde klar, wer zivilisiert und wer unzivilisiert ist“, sagt Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank. Zusammen mit dem Historischen Museum widmet sich die Bildungsstätte in den nächsten fünf Monaten den Themen Kolonialismus und Rassismus. Es sei höchste Zeit, meint Museumsdirektor Jan Gerchow. Obwohl es vom zentralen Thema der deutschen Erinnerungskultur, der NS-Vergangenheit, eine enge Verbindung zu Kolonialgeschichte und fortwährendem Alltagsrassismus gebe, gelangten diese Themen erst langsam in den Fokus von Öffentlichkeit und Institutionen.

          Den Blick des Betrachters brechen

          Museum und Bildungsstätte haben sich das Vorhaben aufgeteilt und zeigen zwei parallele Ausstellungen. Die meisten Objekte, die in der Bildungsstätte unter dem Titel „Hingucker?“ bis 21. Februar ausgestellt sind, stammen aus der Rassismus-Ausstellung, die im Deutschen Hygiene-Museum zu sehen war. Am Beginn des kleinen Rundgangs steht das Porträt Kwelle Ndumbes, der durch sein Opernglas auch die Besucher dieser Ausstellung in den Blick nimmt. Nicht nur in Berlin hat es seinerzeit „Völkerschauen“ gegeben: Auch ein Plakat des Frankfurter Zoos wirbt für den Besuch der „anthropologisch-zoologischen Ausstellung“, in der 43 Singhalesen und 20 Arbeits-Elephanten zu sehen sein sollen.

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          Das Plakat ist durch eine gerasterte Scheibe zu sehen – ein Versuch, den Blick des Betrachters auch im übertragenen Sinn zu brechen, wie Mitkuratorin Jeanne Nzakizabandi sagt. Eine Falle, die umgangen werden soll, ist die Reproduktion rassistischer Sichtweisen. So ist auch ein anderes Objekt zu verstehen, das Mitkurator Tim Mulhanga erläutert. Genau genommen handelt es sich um ein Nichtobjekt. An der Wand steht ein Text, der die Untersuchung, Aufbewahrung und Zurschaustellung von Schädeln anprangert, die aus den Kolonien stammen. Der Besucher, der das liest, schaut unvermittelt in die zugehörige Vitrine. Er sieht darin: nichts.

          „Ich sehe was, was Du nicht siehst – Rassismus, Widerstand und Empowerment“

          Die zentralen Momente der Ausstellung, Irritation und Ambivalenz, gehen auch von einem Porträt von 1797 aus. Es zeigt Jean-Baptiste Belley, der als Kind versklavt wurde, sich später freikaufte und dem Pariser Konvent angehörte. In eleganter Garderobe lehnt er lässig an der Büste des Schriftstellers Abbé Raynal. Das personifizierte Ideal der Egalité? Nur vordergründig: Durch dezente Hinweise, etwa den zur Schamgegend zeigenden Finger, und den Kontrast zur Büste des weißen Denkers finden rassistische Stereotype Einzug.

          Die zweite Ausstellung, die im Stadtlabor des Historischen Museums bis zum 28. Februar zu sehen ist, heißt „Ich sehe was, was Du nicht siehst – Rassismus, Widerstand und Empowerment“. Der Satz aus dem Kinderspiel spreche die unterschiedlichen Erfahrungen und die entsprechend differierenden Sichtweisen an, sagt Mitkuratorin Ismahan Wayah. Was mancher nicht einmal wahrnehme, sei für andere allgegenwärtig.

          Ein Anliegen dieser Schau ist es deshalb, möglichst viele Positionen aufscheinen zu lassen. Entstanden ist die Ausstellung über zehn Monate mit mehr als 60 Beteiligten aus der Bürgerschaft, von Interessengruppen und Künstlerkollektiven. Viele der 27 Beiträge haben Bezug zur Rhein-Main-Region, etwa zur Abschiebung am Flughafen, zu den rassistischen Morden von Hanau oder zum Streit um die „Mohren-Apotheke“ an der Konstablerwache. Und das Historische Museum nimmt auch sich selbst in den Blick: Wie ist mit Objekten zu verfahren, die eine koloniale Vergangenheit haben oder rassistisches Denken widerspiegeln? Die Antwort steht aus, aber vielleicht kommt man ihr durch die Ausstellungen und das umfangreiche Begleitprogramm näher.

          Hingucker“ läuft in der Bildungsstätte Anne Frank bis zum 21. Februar 2021.

          Die Ausstellung „Ich sehe was, was Du nicht siehst - Rassismus, Widerstand, Empowerment“ im Stadtlabor des Historischen Museums ist bis zum 28. Februar zu sehen.

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