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Ausstellung : Wie man dem Hasen die Kunst erklärt

Märchenhafte Bühnenlandschaft: Charlotte McGowan-Griffin, „Whiteness of the Whale”. Bild: Wolfgang Claus

Die Ausstellung „Papier=Kunst“ im Neuen Kunstverein Aschaffenburg widmet sich dem fragilen Werkstoff zum siebten Mal.

          Vielleicht sollte man den Hasen einfach mit nach oben nehmen. Dort, wo im zweiten Stock des Kunstlandings Frank Rothfuss nicht nur ein komplettes Wohnzimmer mit Jalousien, einem Sofa und einer Art Regal aus Küchenrollen installiert hat, sondern auch sein „MMMK“. Vor dem Mentalen Museum für Moderne Kunst nämlich könnte es womöglich funktionieren. Dass jemand wie schon weiland Joseph Beuys dem toten Hasen, wenn schon nicht die gleichfalls aus Papier geformten Bilder erklärt, so doch immerhin den Markt und die dazugehörigen Künstlerrankings offenlegt.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn was, mag sich der Betrachter hier mitsamt seinem Begleiter fragen, hat den Künstler wohl bewogen, seine Top 100 der Gegenwartskunst fein säuberlich gleichsam in Marmeladengläsern einzumachen? Und, sagen wir, Luc Tuymans oder Gerhard Richter, Santiago Serra oder Peter Doig in diese Liste aufzunehmen, Jeff Koons mitsamt seiner Ilona, Jeff Walls „Insomnia“ oder Matthew Barney, jene Künstler, die nun im Rahmen der „Papier=Kunst“ überschriebenen Ausstellung im Neuen Kunstverein Aschaffenburg einen äußerst inspirierten Auftritt haben, hingegen samt und sonders nicht.

          Ganz einfach wunderbar gemacht

          Allein, derlei exklusive Führung ist hier schlicht nicht vorgesehen. Schließlich ist der Hase nur eine Skulptur und mithin selbst ein Teil der Kunst und starrt als solcher wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die Schlange auf den Skulptur gewordenen „Alptraum“ Andreas von Weizsäckers. Schon im Gründungsjahr des Kunstvereins vor 20 Jahren war Weizsäcker als junger Künstler bei der ersten „Papier=Kunst“-Schau zu entdecken, und insofern mag man es zunächst als schöne Geste werten, dass der vor drei Jahren gestorbene Bildhauer im Jubiläumsjahr noch einmal prominent vertreten ist.

          Vor allem aber sind die lebensgroßen Papierabformungen, die Weizsäcker mit feuchtem Bütten etwa wie in „Alptraum“ von einem Traktor und dem zugehörigen Hasen oder, wie in „Tabula Rasa“, von einer kompletten, ein einigermaßen chaotisches Temperament verratenden Büroeinrichtung vorgenommen hat, ganz einfach wunderbar gemacht. Überhaupt ist die Plastik bei dieser ganz dem fragilen Werkstoff gewidmeten Ausstellung – etwa mit den Skulpturen aus gerissenen Papieren Angela Glajcars oder den installativ wie zu einer märchenhaften Bühnenlandschaft verdichteten Cut-outs Charlotte McGowan-Griffins – vergleichsweise stark vertreten unter den elf Positionen.

          Ungehemmte Experimentierlust

          Denn auch Ole Müllers aus Tausenden „Brigitte“- oder „Bravo Girl“-Heften in Form gebrachte, unter enormem Druck gepresste und Mal um Mal geschliffene Bilder sind trotz ihrer äußerst malerischen Anmutung wesentlich skulptural gedacht. Und doch sind die bezauberndsten Arbeiten am Ende jene, die ganz aus der Fläche entwickelt und im Kern grafisch motiviert sind auch da, wo sie diese zu verlassen und in den Raum zu erweitern trachten. Das gilt für die großen Formate Aja von Loepers ebenso wie für die vorwiegend aus den achtziger Jahren stammenden Arbeiten des ZERO-Künstlers Oskar Holweck, die wiederzuentdecken allein schon den Weg nach Aschaffenburg lohnenswert erscheinen lassen.

          Während dem 2007 gestorbenen Künstler freilich Graphit und Messer das Werkzeug, Zeichnen, Reißen und Schneiden die bevorzugten Techniken sind, mit denen er zu minimalistisch anmutenden Ergebnissen von zart-poetischer Eleganz gelangt, ist Loeper durch und durch Zeichnerin. Nur ohne Feder, Bleistift oder Kugelschreiber. Vielmehr ersetzt ihr schon seit einer Weile ein Holzkeil den traditionellen Zeichenstift, mit dem sie das Papier mit energisch expressiver Geste derart bearbeitet, dass es fast wie von selbst aus planer Fläche reliefartig sich wölbt und in den Raum vordringt. So findet die Künstlerin in einem Wochen und mitunter Monate währenden Prozess zu scheinbar der Natur entlehnten, hier organisch, dort anorganisch anmutenden Strukturen.

          Gegen derlei ungehemmte Experimentierlust nehmen sich die reduzierten und ganz aus der Linie entwickelten Grafiken Sabrina Hohmanns geradezu konventionell aus. Und stehen bei genauerer Betrachtung doch für die konzeptuelle Pointe dieser mittlerweile siebten Aschaffenburger „Papier=Kunst“-Ausstellung. Denn klassisches Zeichenpapier ist der 1966 geborenen Künstlerin nicht nur das bevorzugte Medium, sondern zugleich Thema wie Motiv ihres grafischen Werks. Nichts zeigen diese Arbeiten als ein leeres Blatt, einen gefalteten Bogen oder einen ganzen Haufen jungfräulich weiß gebliebener, durch die Luft wirbelnder Papiere. Und doch mag man die ganze Ausstellung darin gespiegelt finden. Auch das könnte man dem Hasen erklären. Doch der bleibt seltsam teilnahmslos. Und stumm.

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