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Ausstellung „We Never Sleep“ : Kamera im Kugelschreiber

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In der DDR verboten: Cornelia Schleime, „Ich halte doch nicht die Luft an“, 1982, eine Kritik am Stasi-Staat Bild: Bernd Hiepe

Realität und Fiktion der Spionage: In der Schirn Kunsthalle ist die umfangreiche Ausstellung „We Never Sleep“ zu erleben. Die Fülle der Ausstellungsstücke bringt viele Fragen mit sich – und viele Rätsel bleiben auch nach dem Besuch.

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          In welcher Verfassung muss sich ein Doppelagent befinden, dessen Auftraggeber ihm befehlen, sich selbst zu treffen. Eine logisch und praktisch verzwickte Situation. Aber durchaus faszinierend. Wie überhaupt die Spionage, die Geheimdienste, die Menschen und Methoden beim Bundesnachrichtendienst, dem Secret Service, der CIA, dem Mossad, dem KGB und den vielen anderen Organisationen, deren Aufgabe es ist, Informationen zu beschaffen, gegnerische Institutionen und Wissensträger auszukundschaften, die Kontrolle über die Opposition im eigenen Land zu behalten.

          Das Bild ist von zahllosen Romanen und Filmen geprägt, und auch wenn James-Bond-Filme eher wie Comics funktionieren, indem sie in ihrer Übertreibung ins Phantastische ausgreifen, finden sich doch Schnittmengen zwischen dem Agentengewerbe in der Realität der Staatenkonkurrenz und den fiktiven Abenteuern in den geschriebenen und gefilmten Geschichten. Und gewiss ist das Leben mancher Spione so illuster, wie es sich ein Autor nicht besser hätte ausdenken können. Mata Hari. Günter Guillaume.

          In der Ausstellung „We Never Sleep“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle mischen sich denn auch die Ebenen munter und gelegentlich auf kaum entwirrbare Weise. Die Schau bietet eine Fülle an Material, darunter etliche Exponate aus Sammlungen, die sich auf die Arbeit der Geheimdienste spezialisiert haben. So muss man schon genau hinschauen, um zu erkennen, wo es sich um kulturhistorische Objekte handelt und wo um Kunst. Manchmal lässt sich das auch gar nicht entscheiden. Die Fülle der Ausstellungsstücke bringt viele Fragen mit sich. Sie können nicht einmal ansatzweise bei einem einmaligen Besuch beantwortet werden. Viele Rätsel bleiben. Da wären wir wieder beim Thema dieser aufwendigen Präsentation.

          Leicht verwirrt geht der Schirn-Flaneur von Geheimnis zu Geheimnis, und dann steht er vor einer Arbeit von Cornelia Schleime, der die Stasi-Akte der Künstlerin zugrunde liegt. Ihr bester Freund hat sie verraten, wie sie nach der Wende erfuhr. Plötzlich werden wir in dieser überfrachteten Schau konfrontiert mit der ebenso realen wie ungreifbaren und daher Paranoia erzeugenden Allgegenwart und Grunddämlichkeit der „Firma Horch und Guck“ in der DDR. Wer immer aus dem Raster des braven und unscheinbaren werktätigen Menschen fiel, war verdächtig. Die Kombination von Fotografien, in denen sie sich selbst inszeniert, und den Unterlagen der Staatssicherheit mit Texten, in denen sich die Schnüffler über die Wohnungseinrichtung, das Äußere der Künstlerin und die Missgunst, die ihr von den Nachbarn entgegenschlägt, auslassen – das gehört zu den stärksten Arbeiten in der Schirn. Dass sie Ausstellungsverbot erhielt, verwundert einen nicht, wenn man sich die Kunstdoktrin des sozialistischen deutschen Staats in Erinnerung ruft. Und sie mit einem Werk wie „Ich halte doch nicht die Luft an“ vergleicht.

          Porträts berühmter Agenten und Spioninnen

          Filmplakate und Bücher. Dechiffriermaschinen und Porträts berühmter Agenten und Spioninnen. Die unglaubliche Story von Hedy Lamarr, Filmschauspielerin, einst als „schönste Frau der Welt“ betitelt, und geniale Erfinderin einer störungsfreien Funktechnik. Ein Informationsblatt der Franzosen zu Adolf Hitler aus den zwanziger Jahren. Eine eingehende Analyse von Stephen Bannons Aktivitäten als Filmemacher, Initiator von Kulturprojekten und Publizist, die dem Trumpismus propagandistisch den Weg ebneten. Die raumgreifende Installation „Tag X“ von Henrike Naumann, in der es um Vorbereitungen für einen gewaltsamen Systemwechsel in Deutschland geht, bei dem auch Designgegenstände zu Waffen hätten werden können.

          Als wir schon dachten, das ist alles zu viel auf einmal, entdeckten wir einen roten Faden, ein fortlaufendes Motiv. Es ist gar nicht recht zu fassen, wo überall Kameras versteckt wurden, um damit geheime Aufzeichnungen von noch geheimeren Ereignissen oder Dokumenten zu machen. In einer Bauchattrappe zum Unter-das-Hemd-Schnallen, im Koffer, im Kugelschreiber, in einer Gießkanne. Wer sucht, der findet in dieser Ausstellung noch viel mehr davon.

          „We never sleep“ ist bis 10. Januar in der Kunsthalle Schirn zu sehen.

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