https://www.faz.net/-gzg-vblt

Ausstellung : Was Bücher sein können

Auch ein Buch: Pere Nogueras Kunstwerk „Us i abús” („Gebrauch und Wirklichkeit”) Bild:

Bücher sind sprachliche Abbildungen der Wirklichkeit zwischen zwei Deckeln aus Pappe. Sind sie das? Was Bücher noch sein können, zeigt die Schau von Künstlerbücher aus Katalonien im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst.

          Manchmal ertappt man sich bei dem Gefühl, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. Da bemüht man sich seit Wochen nicht ohne Erfolg, Spaß zu haben an den Büchern, die die deutschsprachigen Verlage in diesem Herbst auf den Markt geworfen haben, und dann läuft einem eine Ausstellung über den Weg, die zeigt, dass Bücher auch etwas ganz anderes sein können als sprachliche Abbildungen der Wirklichkeit zwischen zwei Deckeln aus Pappe. Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst hat als Teil des Begleitprogramms zum Gastlandauftritt der katalanischen Kultur auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse nun eine solche Ausstellung eröffnet.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „VisualKultur.cat“ zeigt, was dabei herauskommt, wenn eine traditionsreiche Stadt des Verlegens und Herstellens von Büchern wie Barcelona in einem Land liegt, das, wie Katalonien, altes Territorium der künstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts ist. Das Resultat sind Bücher, die jede gesicherte Annahme über das, was ein Buch sei, gegenstandslos machen. Bücher, beweist die Schau, bestehen nicht nur aus bedrucktem Papier, sondern kommen als Dosen und in Kisten daher und bestehen aus einer Collage einzelner Komponenten, deren Zusammenspiel der Leser zu entziffern hat.

          Erfüllung eines Avantgardetraums

          Die Kuratoren Vicenç Altaió und Daniel Giralt-Miracle zeigen Künstlerbücher der katalanischen Avantgardisten Dalí, Miró und Tàpies ebenso wie Werke der Graphikdesigner der Gegenwart. Für sie alle ist das Buch kein Medium mehr, dessen Aufgabe es ist, dem Leser einen Inhalt möglichst klar zu vermitteln, sondern, in Anknüpfung an Marcel Duchamps seit 1935 geschaffene „Boîte-en-valise“, ein Behältnis, das mit der Idee des Inhalts spielt.

          Was wäre, wenn alle Bücher so aussähen? Es ist schwindelerregend, sich die 286.621 Besucher, die auf der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr gezählt wurden, dabei vorzustellen, wie sie in den 388.486 in diesem Jahr gezeigten Titeln lesen, 388.486 Titeln, die alle so aussehen wie die nun im Museum für Angewandte Kunst gezeigten Künstlerbücher. Es wäre die Erfüllung des Avantgardetraums der Verschmelzung von Kunst und Leben. Aber es hat ja auch sehr viel für sich, wenn literarische Kunstwerke sich dem allgemein verständlichen Abbilden der Wirklichkeit widmen und zwischen ihren beiden Deckeln einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Wem um die Buchmesse herum allerdings der Kopf schwirrt von Belletristikfluten und Sachbuchmassen, den erinnert das Museum für Angewandte Kunst an die Utopie.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Interviewabbruch : Es bleiben viele Fragen an Höcke

          Die Aufregung über den Interview-Abbruch und die Drohungen von Björn Höcke verstellt den Blick auf die eigentliche Frage: Wes Geistes Kind ist der AfD-Politiker?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.