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Paula Modersohn-Becker : „Lauter Aha-Erlebnisse“

Ein radikales Werk, sagt Kuratorin Ingrid Pfeiffer: Paula Modersohn-Becker ist eine Gesamtschau in der Schirn in Frankfurt gewidmet. Bei vielen Bildern sieht man der Künstlerin regelrecht beim Suchen zu.

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          Das meiste davon ist nebeneinander entstanden: Nähe und Ferne, absichtsvoll mit reliefartig aufgetragener Tempera ins Unscharfe gebrachte Flächen und dunkel umrandete, fern an die Expressionisten erinnernde Körper. Ein Babyköpfchen an der Brust der Mutter, im engsten, intimsten Moment ganz nah herangezoomt. Dann wieder: schemenhafte Kindergestalten, mit Laternen unterwegs in der Landschaft. Weiße Wolken, die sich im Graben eines Torfgebiets spiegeln. Muskulöse Männerkörper, fast lebensgroß als Akt gezeichnet, auch das beweist einen ganz eigenen Kopf.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Frauen standen um 1900 in den Malakademien nackt Modell – vor Männern. Männer aber, in den wenigen Klassen, die Frauen offenstanden, posierten mit verhüllten Lenden. Paula Modersohn-Becker (1876–1907) aber war auch da direkt, unvoreingenommen und nahm die Hülle weg. So sind die männlichen Akte jetzt in der Frankfurter Kunsthalle Schirn zu sehen, fast Gegenstück zu dem Bild, das die Besucher empfängt: Modersohn-Becker hat immer wieder sich selbst studiert, und unter den Selbstporträts ist ihr „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ von 1906, beinahe lebensgroß, eine Besonderheit, wohl das erste weibliche Selbstporträt als Akt.

          Ein Werk, das irritiert und beschäftigt

          „Sie war sehr vorurteilsfrei und überhaupt nicht konventionell“, sagt Kuratorin Ingrid Pfeiffer. Eigen, sehenswert, ein Werk, das uns irritiert und beschäftigt, auch durch seine „extreme Unmittelbarkeit“: So umreißt Pfeiffer, was sie in Modersohn-Becker entdeckt hat. Schon vor sechs Jahren hatte sie die erste Idee zu der Ausstellung, nun findet „Paula Modersohn-Becker“, statt als Tour mit der Londoner Tate Modern, coronabedingt als Solo-Ausstellung nur in Frankfurt statt.

          Ausstellungen über Modersohn-Becker gibt es zuhauf, sie ist heute eine Ikone – eine, die zeit ihres Lebens nur zweimal Bilder ausgestellt und kaum je welche verkauft hat. Oft stehen, erst recht nach dem Kino-Biopic, ihre Biographie, der frühe Tod, ihre emanzipatorischen Arbeitsaufenthalte in Paris im Fokus. Darum soll es nun in der Schirn überhaupt nicht gehen, sondern um die eigenwillige, ja radikale Kraft des Werks.

          „Man kann immer etwas Neues entdecken, wenn man auf die Suche geht“, sagt Pfeiffer. Und „lauter Aha-Erlebnisse“ hatte sie bei der Suche nach den nun ausgestellten 116 Gemälden und Zeichnungen: ein Überblick über das Gesamtwerk, seine Breite, die Stärken, auch über das, was viele Zeitgenossen und auch heutige Betrachter irritiert.

          Es ist vor allem dieses Nebeneinander des Unterschiedlichen, das in der Ausstellung überrascht. Wie dieses Studieren und Experimentieren mit Motiven, Fragen, Darstellungsweisen sich zuweilen in derselben Zeitspanne, aber auch über ihr kurzes Malerinnenleben hinweg gestalten konnte, hat Pfeiffer in Räume gefasst: hier nur Selbstbildnisse, dort Stillleben.

          Ein Raum nur für Porträts nahestehender Personen, einer, dafür ist sie heute berühmt, für Kinderbildnisse in großer Zahl. Gerade dort, bei den ernsten Mädchenakten, die oft genug Zitronen oder einzelne Blumen vor Bauch oder Brust halten, sieht man einer Künstlerin regelrecht zu bei der Suche – und beim Finden.

          Die Ausstellung in der Frankfurter Schirn ist bis 6. Februar zu sehen, es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, der Katalog kostet 23 Euro.

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