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Ausstellung : Vom Glück der Einsamkeit

  • -Aktualisiert am

Leuchtlandschaft: Sven Drühl, „P.V.R. (Neon)”, 2008. Bild: Privatsammlung

Die Ausstellung „Landschaft als Weltsicht“ im Museum Wiesbaden lässt einen roten Faden vermissen.

          Manchmal ist die Lektüre eines Katalogs lohnender als die dort beschriebene Ausstellung. Ein Beispiel ist der Katalog „Landschaft als Weltsicht“ mit den kenntnisreichen und brillanten Essays zur Wanderschau gleichen Namens, die nach Stationen in der Bochumer „Stiftung Situation Kunst“ und der Kunsthalle zu Kiel vor wenigen Tagen im Museum Wiesbaden eröffnet wurde und einige Fragen aufwirft. Eine gewisse Irritation macht sich im ersten Saal bemerkbar, denn unter den niederländischen Altmeistergemälden des 17.  Jahrhunderts, ob von Ruisdael, Hobbema, van Goyen oder Joos de Momper dem Jüngeren und anderen, wirken einige Werke doch ziemlich restaurierungsbedürftig.

          Wenn die Besucher von diesem Eingangsraum aus neugierig in den Nachbarsaal zur Linken schauen, dort unter der Inschrift „Vom Expressionismus zur Minimal Art“ ein Landschaftsgemälde des 20.  Jahrhunderts sehen, wundern sie sich natürlich über diesen verblüffenden Zeitsprung. Aber der freundliche Wärter belehrt sie: Zur Sonderausstellung geht es dieses Mal ganz einfach nur immer geradeaus. Und auf diesem Parcours durch Landschaftsdarstellungen vom 17. Jahrhundert bis heute – die leider nicht chronologisch, sondern nicht immer nachvollziehbar thematisch gehängt sind – werden durchaus reizvolle Werke präsentiert. Offen bleibt aber die Frage, ob ein roter Faden, ein Erkenntnisgewinn also zum Thema „Weltsicht“ bei diesen 200 Werken der Landschaftsmalerei auszumachen ist, ob das ambitionierte Ziel der Ausstellung überhaupt erreicht wird: Landschaften als „Resonanzraum“ für Erinnerungen, Imaginationen und Sehnsüchte im Wandel der Zeiten sichtbar zu machen. Ein zweifelhaftes Unternehmen ist es ja ohnehin immer wieder, wenn Ausstellungen vor allem kluge Thesen illustrieren sollen oder versuchen, den Betrachter neue Sichtweisen zu lehren. Eine Ausnahme ist diese Schau mit dem hervorragenden Katalog jedoch insofern, als es um eine Privatsammlung handelt, die nach Abschluss der Tournee der Ruhr-Universität Bochum auf Dauer als Lehrsammlung zur Verfügung gestellt werden wird. Und das Lernziel der Studenten kann eigentlich nur sein, dass sich viele Bilder vor allem als zweckfreie und autonome Malerei glanzvoll behaupten.

          Neue Zweiteilung

          In diesem Sinne bleibt etwa Auguste Chabauds im Jahr 1908 entstandenes Gemälde „Le chasseur et son chien en Camargue“ im Gedächtnis – der einsame Jäger mit seinem Hund am sonst menschenleeren Strand ist ein wunderbares Bild vom Glück bewusst gelebter Einsamkeit. Oder Max Liebermanns prachtvolles, atmosphärisch dichtes Gemälde von 1924, das unter dem Titel „Birken am Wannseeufer nach Osten“ einen Blick seines 1909 erworbenen Grundstücks schilderte. Und da Gartenkunst eines der Faibles von Alfred Lichtwark, dem damaligen Direktor der Hamburger Kunsthalle, war, hatte Liebermann ihn ohne jede falsche Scheu gebeten, doch bitte die Gestaltung dieses Wannsee-Gartens zu übernehmen: Das grüne Paradies ist übrigens wieder öffentlich zugänglich.

          Ernst wird es im Saal, wo es um die „Ahnung von Endlichkeit“ geht. Eine grandiosen Hügellandschaft von Francesco Foschi, einem italienischen Maler des 18.  Jahrhunderts, ist ein Blickfang, ein weiterer eine melancholische „Winterlandschaft mit Reisig“, die Jan van Kessels 100 Jahre früher schuf. Noch trauriger geht es ein paar Schritte weiter unter dem Motto „Endzeit und Hoffnung – Die gefährdete Landschaft“ zu. Das zwei mal fast fünf Meter große dunkle Bild „Doormansweg“ der 1974 in China geborenen, in Hamburg lebenden Künstlers Kailang Yang mit fröhlichen hellen Lichtpunkten auf dem grünen Blätterwerk der Bäume scheint dort vielleicht irrtümlich gelandet zu sein. Immerhin sind die qualmenden Hochöfen auf den Fotografien von Rudolf Holtappel oder ein ebenfalls sehr düsteres Gemälde von Franz Radziwill am rechten Platz.

          Eine weitere Irritation: Im Museum Wiesbaden waren Sonderausstellungen als sinnvolle Einheit bisher immer im gesamten Erdgeschoss zu sehen. Jetzt hört die „Landschaft als Weltsicht“ am Ende der Raumfolge im Erdgeschoss aber zunächst einmal auf, und zur Fortsetzung hat man sich ins zweite Stockwerk zu begeben. Eine sinnvolle Neuerung ist diese Zweiteilung einer Sonderausstellung aber nun nicht wirklich. Ganz oben ist die „Landschaft im Jetzt“ vor allem mit Fotoarbeiten zu sehen, mit klassischen Werken von Andreas Feininger etwa oder zeitgenössischen von Wolfgang Tillmans. Auch die Auswahl der „Jetzt“ -Bilder und Fotografien wirkt einigermaßen beliebig, was aber naturgemäß für die meisten Themenausstellungen gilt, die jedoch einen großen Vorteil haben: Man kann die Ausstellung im Kopf nach eigenen Vorlieben ergänzen. Schon dabei auf dieser Liste wäre ganz sicher Ingeborg Lüschers raumfüllende Dreikanal-Videoinstallation als grandioser Abschluss der Schau: Zu sehen sind betörende Bilder von blühenden Bäumen, pittoresken Wüsten, von Wäldern, Meeresküsten oder Wasserfällen – menschenleere Aufnahmen von Landschaften, die keinerlei Spuren zivilisatorischer Eingriffe aufweisen. Unterbrochen werden diese Bilder nur durch Aufnahmen von gewaltigen Panzern bei brutaler Landschaftszerstörung. Und wenn die Projektionsflächen schwarz werden, ist George W. Bushs Stimme zu hören: „The Game is over“, ein Satz, der auch zum Titel der 2003/2007 entstandenen, zwölf Minuten dauernden Arbeit von Ingeborg Lüscher wurde – der wohl sehenswertesten dieser Schau.

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