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Ausstellung : Universum im Wassertropfen

Sanddünen: Welche Dünen Timo Klos ablichtete, können Besucher der Ausstellung „Sightsseing” sehen Bild: obs

Dünen, Eislandschaften, schroffe Berge: Die Fotoserie „Sightseeing“ von Timo Klos ist im 1822-Forum der Frankfurter Sparkasse zu sehen.

          Es fehlt nicht viel in diesen Bildern, und man müsste Timo Klos für einen Romantiker halten. Dünen, Eislandschaften, schroffe Berge zeigen seine Fotografien, wie man sie vielleicht auf Rügen, in den Weiten Grönlands oder auch den Dolomiten findet: menschenleer und augenscheinlich unberührt liegen sie da. Und hier und dort, ist man geneigt zu glauben, spürt man um ein Haar den leisen Hauch des Sublimen aus den Tälern steigen, der in der Kunst, die etwas auf sich hält, sonst gern ironisch und jedenfalls nicht ungebrochen durch die längst als Landschaft kenntliche Natur zu wehen gelernt hat.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          So einfach aber ist es am Ende nicht. Denn was diese Bilder zeigen, sind in Wahrheit nicht die großen, vor lauter Ehrfurcht stumm machenden Sensationen der Natur, sind nicht Gipfel, Grate und verschneite Wüsten, sondern eine Landschaft ungefähr im Maßstab eins zu eins und manchmal größer, im Kern also: ein Modell. Freilich, dass etwas nicht stimmt in der aktuellen, „Sightseeing“ betitelten Folge des 1983 in Bad Hersfeld geborenen Künstlers, die derzeit im 1822-Forum der Frankfurter Sparkasse (Fahrgasse 9) zu sehen ist, darauf weisen allenfalls merkwürdige partielle Unschärfen etwa im Vordergrund hin, die diese ebenso unscheinbaren wie grandiosen Panoramen fast unmerklich in Frage stellen.Dabei kaschieren Klos’ teils äußerst malerische Aufnahmen nichts, und der Künstler enthält sich jedweder Manipulation.

          Mehr als eine Felsbrocken

          Mehr noch, im Unterschied etwa zu Fotokünstlern wie Oliver Boberg hat Klos diese Welt en miniature mitnichten arrangiert und keineswegs auch wie der prominentere Kollege aus Holz und Farbe, Tee und Pinselborsten erst in seinem Atelier erschaffen. Im Gegenteil. Er findet sie. Nicht als Projektion, sondern im konzentrierten Blick durchs Objektiv, im mit Bedacht und Akribie gewählten Ausschnitt und noch im unscheinbaren und im Allgemeinen gerne übersehenen Detail.

          Denn Klos, der bei Martin Liebscher an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung studiert und gerade für ein Auslandssemester in Helsinki weilt, fokussiert mit klassisch analogen Mitteln genau das, was er als Natur buchstäblich am Wegesrand vorfindet, sei es am Schweizer Jochpass, am Cabo de Gata oder irgendwo in den Hügeln von Bad Hersfeld, wo diese Bilder entstanden sind. Dass es sich dabei hier um nicht viel mehr als einen Felsbrocken oder am Ende bloß um einen Maulwurfshügel handelt, dort um einen Tümpel mit ein paar Flecken frischen Schnees, mag man in Anbetracht von „Sightseeing“ indes kaum glauben.

          Große Fragen der Metaphysik

          Doch darauf, auf das Wissen um den Maßstabssprung, kommt es genau betrachtet an. Denn das geschickte Spiel mit der Wahrnehmung und der Erwartungshaltung des Betrachters ist zwar allenthalben ein herausragendes Thema in der zeitgenössischen Fotokunst. Und auch Klos’ Bilder lassen sich in diesen Kontext fraglos plausibel einfügen. Seine heimliche Pointe aber ist am Ende subtilerer Natur.

          Denn es mag ja sein, dass wir uns von Bildern immer wieder täuschen lassen und sie mit der Wirklichkeit verwechseln, und ebenso mag sein, dass wir wider besseres Wissen Opfer unserer eigenen Projektionen werden. Jenseits derlei medienkritischer, im Diskurs der Fotografie fast schon Gemeinplatz gewordener Aspekte aber lenkt Klos’ Kunst den Blick mit stupender Beiläufigkeit auf deren philosophische Implikationen, genauer: auf die großen Fragen der Metaphysik. Und findet, statt einer Antwort, in einer Pfütze ein Eismeer, im Kieselstein die Alpen und also im sprichwörtlichen Wassertropfen das Universum gespiegelt. Und alle seine Rätsel.

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