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Ausstellung über Reiffenstein : Höfchen und Törchen

Wie eine Bühnenkulisse: Carl Theodor Reiffenstein, Main bei Offenbach mit Ysenburger Schloss und Badetempel, 1849, Öl auf Leinwand Bild: Städel Museum Foto: Horst Ziegenfusz

Anlässlich seines 200. Geburtstages sind Werke von Carl Theodor Reiffenstein und Freunden im Museum Kronberger Malerkolonie ausgestellt. Eine kleine Überraschung sind auch die parallel dazu vorgestellten Neuerwerbungen der Stiftung.

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          Eine kleine Überraschung ist diese Ausstellung allemal. Weniger, weil Carl Theodor Reiffenstein (1820 bis 1893) nicht etwa Kronberger, sondern zunächst einmal Frankfurter war. Das waren andere Kolonisten wie Anton Burger auch. Und wie die frühen Freilichtmaler, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts im Taunus niederließen, um vor der Natur zu malen, ging Reiffenstein schon früh – mit 13 Jahren – ans Städel, um zunächst bei Friedrich Maximilian Hessemer Architektur und dann Malerei bei Jakob Becker zu studieren. Man kannte sich und war mitunter auch seit Studienzeiten schon befreundet.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bekannt aber ist der in der Frankfurter Altstadt aufgewachsene Maler vornehmlich für die akribisch genaue Schilderung seiner noch mittelalterlich geprägten Heimatstadt. „Alle Höfchen“, so hat es der deutlich jüngere Philipp Franck im Rückblick festgehalten, „jedes alte Törchen und selbst jedes Türschloss“ habe Reiffenstein mit peinlichster Sorgfalt festgehalten, und vermutlich ist es genau das, was seinen Erfolg beim bürgerlichen Publikum ausmachte. Schon zu Lebzeiten gab er seine Sammlung Frankfurter Ansichten gegen eine Leibrente an das Historische Museum, und in der Tat ist Reiffenstein bis heute vornehmlich für seine Zeichnungen und seine ebenso präzise die Architektur erfassenden wie die Altstadt romantisierenden Aquarelle bekannt.

          Dass er wenigstens auch und gelegentlich Landschafter war, Ausflüge etwa in den Odenwald, den Taunus und an die Lahn unternahm, zeigt nun die „Carl Theodor Reiffenstein und Freunde“ überschriebene Ausstellung, die ihm das Museum Kronberger Malerkolonie zum 200. Geburtstag eingerichtet hat. Zwar eröffnet mit dem „Affentor“, dem „Blick von der Alten Brückenmühle auf den Kuhhirtenturm“ oder den postkartenkleinen „Römerhallen“ auch hier das eine oder andere typische, meist aus einer Privatsammlung stammende Blatt den Bilderreigen. Der Schwerpunkt aber liegt doch auf den Gemälden.

          Und auf einer Malerei, die nicht zuletzt in der Zusammenschau mit den Arbeiten Anton Burgers, seines Kommilitonen Philipp Rumpf oder den pittoresken Genreszenen Jakob Fürchtegott Dielmanns ein wenig irritiert. Auch den Kronberger Malerfürsten Burger wird man bei aller Liebe zur Pleinair-Malerei keinen Vertreter der Moderne, Nelson Kinsley trotz einer Reihe bezaubernder Gemälde wie dem „Landschaftsausschnitt mit Pilzen“ nicht gleich einen Impressionisten nennen wollen. Von der nachgerade romantischen Inszenierung aber, die Reiffenstein etwa „An den Schwanheimer Eichen“ beschwört, dem dramatischen Bühnenlicht, in das er seine Landschaften oder den jüdischen Friedhof in Kronberg taucht, findet sich bei den Kolonisten kaum eine Spur, im Gegenteil.

          Die Malerei scheint in beiden Werk eine gänzlich andere

          Dass Burger und Reiffenstein etwa gleich alt und seit Studienzeiten befreundet waren, dass sie wie zahlreiche Kronberger mit Jakob Becker denselben Lehrer hatten, mag man angesichts eines Blatts wie Burgers verblüffend modernem „Blick auf Kronberg vom Falkensteiner Weg“ in Kohle und Kreide schwerlich glauben. Die Malerei, die Welt, wie sie sich darstellt auf Leinwand und Papier, scheint in beider Werk am Ende eine gänzlich andere. Umgekehrt sind klassische Genreszenen wie sie Dielmann, mit Burger Gründer der Kronberger Malerkolonie, immer wieder variierte, dem Chronisten Reiffenstein bei aller Liebe zur Staffage eher fremd. Fast vedutenartig nehmen sich seine präzisen Aquarelle aus dem alten Frankfurt etwa im Vergleich zu Dielmanns Blick in Kronberger Gassen und pittoreske Winkel, aber auch zu Burgers Frankfurter Altstadtszenen aus.

          Eine kleine Überraschung mag man derweil nicht nur die Ausstellung zu Reiffensteins 200. Geburtstag, sondern auch die parallel dazu vorgestellten Neuerwerbungen der Stiftung Kronberger Malerkolonie nennen. Dielmanns „Drei Mädchen beim Gebet“ etwa, Arbeiten von Berta Bagge, Karl Bertrab und Eugen Peipers und keineswegs zuletzt die herrlich lichtdurchflutete, 1895 in Frankreich entstandene „Getreideernte“, die den jungen, in seinem Spätwerk wieder so braven Fritz Wucherer auf der Höhe seines malerischen Könnens zeigt: Zurück in Kronberg, verkaufte sich die sichtlich französisch inspirierte Moderne offenbar nicht wirklich gut. Eine Arbeit Reiffensteins übrigens sucht man unter den Neuerwerbungen vergebens. Nicht ein Blatt gibt es in der Sammlung. Reiffensteins runder, auch in Frankfurt bislang kaum beachteter Geburtstag, wäre vielleicht eine Gelegenheit.

          Die Ausstellung im Museum Kronberger Malerkolonie, Kronberg, Heinrich-Winter-Straße 4a, ist bis 13. September mittwochs von 15 bis 19 Uhr, samstags von 12 bis 18 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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