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Ausstellung in Mainz : Körperfragen

Im Bad: Johannes Büttner; Flexen Bild: Norbert Miguletz

Die Ausstellung „Theoretisch geht’s mir gut“ verhandelt in der Kunsthalle und im Taubertsbergbad Mainz Selbstbild und Normen. Denn in der Regel meint, wer derart auf die Frage „Wie geht es dir?“ antwortet, etwas anderes.

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          Noch während man sich in der Eingangshalle zurechtfindet, wird man von einer Frauenstimme in Anspruch genommen. „Ich fühle mich so anders, ich stehe zwischen den Welten“, tönt eine Stimme aus den Lautsprechern. „Meine Gedanken unterscheiden sich von denen der anderen um mich herum.“ Sätze, die einen gefangen nehmen und dazu bringen, genauer zu lauschen. Sie gehören zur Sound-Installation „SMW – Shine with me“ der Berliner Künstlerin Samantha Bohatsch und stimmen als erste Arbeit auf die Ausstellung „Theoretisch geht’s mir gut“ in der Kunsthalle Mainz ein.

          Katharina Deschka
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn in der Regel meint, wer derart auf die Frage „Wie geht es dir?“ antwortet, etwas anderes. Es könnte mir gut gehen, aber eigentlich tut es das nicht. Und tatsächlich berichtet die Sprecherin in Samantha Bohatschs Installation davon, dass sie von ihrem Freund verlassen wurde und nun allein zurückbleibt. Nicht nur durch Corona, aber dadurch sicher verschärft, sei dies eine Zeit des Wandels, sagt die Kuratorin der Schau Lina Krämer. Veränderungen beträfen sich wandelnde Arbeitsbedingungen, die fortschreitende Digitalisierung, aber auch soziale Konstrukte, wie Paarbeziehungen und Familie, und die Frage, was denn als Norm angesehen werde und wie man leben wolle, und nicht zuletzt die Rolle von Kunst und künstlerischer Arbeit in der Gesellschaft.

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          Die fünf jungen Künstler der Ausstellung nehmen sich des Wandels multimedial an. Den menschlichen Körper beziehen sie dabei ein – „als Material, das erkundet werden kann, das Grenzen spürbar werden lässt und das man als Projektionsfläche eigener oder fremder Erwartungen begreifen kann“.

          Den Zweifeln und Ängsten Ausdruck verleihen

          Wie die britische Künstlerin, Autorin und Aktivistin Hannah Black, geboren 1981 in Manchester, die in ihrer eindrucksvollen Videoarbeit „Bodybuilding“ 2015 hinter die prahlerische Rüstung aus stählernen Muskeln schaute. Den mit Musik unterlegten, rhythmischen Bildern von trainierenden Männern stellt sie Aussagen aus Chats gegenüber, in denen die Bodybuilder sich erstaunlich verletzlich äußern, ihren Zweifeln und Ängsten Ausdruck verleihen, sie könnten ihren eigenen Ansprüchen womöglich nie gerecht werden.

          Wie zutiefst menschlich Unsicherheit ist, darauf verweist auch Johannes Büttner, 1985 in Frankfurt geboren, mit seiner Arbeit „Higher“ oben im Turm der Kunsthalle. Seine rote Laufschrift über alle Fenster hinweg sieht man draußen schon von Weitem. Es ist der Text zur Präsentation, der aber von einer künstlichen Intelligenz permanent „verbessert“ wird. Die Stützen der LED-Bildschirme hat Büttner mit Füßen versehen, sodass den Maschinen etwas Menschliches anhaftet.

          Doch wie Programme sollen auch Menschen permanent lernen, sich immer weiter selbst optimieren und ihr Potential bis an die Grenze ausschöpfen. Für seine beunruhigende Arbeit „Potential“ hat Büttner deswegen mehr als ein Dutzend Coaches, Experten und Dienstleister, die ihr Publikum eigentlich auf Youtube und Instagram finden, gebeten, sich und ihre Produkte für diese Ausstellung anzupreisen. Über einen zentral im Raum aufgebauten Bildschirm laufen diese Videos nun wie eine Leistungsschau: Es sind ausschließlich Männer, die selbstbewusst und mit den Insignien des Erfolgs (Wagen, Pool, Urlaubslandschaft) ausgestattet demonstrieren, wie der Kunde seine Möglichkeiten etwa in finanzieller, beruflicher Hinsicht ausschöpfen könnte, würde er nur ihrem Weg folgen.

          In der Halle: Johannes Büttner; Higher
          In der Halle: Johannes Büttner; Higher : Bild: Norbert Miguletz

          Das Gegenteil dieses Sendungsbewusstseins bietet eine Etage tiefer der hermetisch wirkende, von der 1987 in Kopenhagen geborenen Künstlerin Benedikte Bjerre gestaltete Raum der Reduktion. Ihre Arbeit „Libero (eat, pray, love)“ spiegelt 15 Monate Rückzug in der Pandemie wider. Die häusliche Isolation präsentieren als Readymades eine Waschmaschine und die Arbeitsplatte ihres Tischs an der Wand. Die Waschmaschine ist beklebt mit kleinen Paketen: Die Bronzegüsse der Windeln ihrer Tochter verweisen auf Rollenerwartungen, denen sich junge Mütter immer noch ausgesetzt sehen.

          In der Halle: Benedikte Bjerre; Libero (eat, pray, love)
          In der Halle: Benedikte Bjerre; Libero (eat, pray, love) : Bild: Norbert Miguletz

          Um das Ende des Lockdowns zu feiern und das endlich wieder mögliche gemeinsame Arbeiten, erweitert die Kunsthalle die Ausstellung in den von Freizeit und Sport geprägten Raum und zeigt Kunstwerke im Mainzer Taubertsbergbad. Allen voran Bjerres Installation „Remake of ,Bar sous le toit‘“ – ein Projekt, das Bjerre mit Studierenden der Kunsthochschule Mainz umsetzt. Die mobile Bar wird zunächst am Rand des Schwimmbeckens stehen, um dann an anderen Orten innerhalb und außerhalb der Stadt aufzutauchen; ein skulpturales Objekt, das Bezug nimmt auf die „Bar sous le toit“ der französischen Designerin Charlotte Perriand und das zugleich als Ort für Kunst und Austausch dienen soll.

          Auf den Liegewiesen des Bads wirken wie hingestreut riesige Körperteile aus Aluminium-Flachstäben: Körperbefragungen an einem Ort, der sich kaum besser eignen könnte. Die nachdenkliche Videoarbeit „Workers’ Forum“ der finnischen Künstlerin Pilvi Takala erfordert womöglich zu viel Aufmerksamkeit in trubeliger Umgebung, doch die Sound-Installation „BB“ von Samantha Bohatsch, Monologe über die Auflösung körperlicher Grenzen, intime Schilderungen von Begegnungen wird an ihrem ruhigeren Platz unter einem Baum wohl ihre Zuhörer finden.

          Die Ausstellung ist bis 22. August in der Kunsthalle Mainz, Am Zollhafen 3–5, Dienstag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch von bis 21 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Das Taubertsbergbad, Wallstraße 9, ist täglich von 6.30 bis 8 Uhr, von 9 bis 14 Uhr und von 15 bis 20 Uhr geöffnet.

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