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Ureinwohner Nordamerikas : Der eigenen Herkunft versichert

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Identitätsstiftend: Plakat zum United States Census, Suitland, MD, 2000 Bild: Foto Sammlung Markus H. Lindner

Das Weltkulturen Museum Frankfurt zeigt Plakate des indigenen Nordamerika. Dabei wird klar: „Die Indianer“ gibt es nicht. Man muss jedes Volk, jeden Menschen für sich verstehen.

          Es gibt verschiedene Sorten von Mais, und wie sie bei den Zuni bezeichnet werden, zeigt ein Schulplakat von Alex Seoutewa aus dem Jahr 1997: Maiskolben in unterschiedlichen Farben und ihre indianischen Namen sind darauf zu sehen, auf einem anderen wird der Regenzauber-Ritus dargestellt, der die Pflanzen gedeihen lassen soll. All dies, so erfährt der Besucher der Ausstellung „Plakatiert! Reflexionen des indigenen Nordamerika“ im Frankfurter Weltkulturen Museum, ist für die Zuni, einen heute rund 8430 Mitglieder zählenden Indianerstamm im Westen New Mexicos, von großer Bedeutung: Denn früher waren die Zuni Maisbauern. Ihre Herkunft und ihre Traditionen sollen die Zuni-Kinder ebenso wenig vergessen wie ihre Sprache. Seit den siebziger Jahren und seitdem Gesetze in den Vereinigten Staaten den Stämmen zugestehen, dass diese die Bildung nach eigenen Vorstellungen gestalten können, werden auch die Kinder der Zuni bilingual unterrichtet.

          Außerdem erhalten sie neben den Fächern, die andere amerikanische Kinder belegen, Unterricht in Religion, Kunsthandwerk und Geschichte ihres Stamms. Gemeinsam mit Studierenden der Goethe-Universität hat der Ethnologe Markus Lindner die Schau über zwei Semester konzipiert und mit Plakaten, die größtenteils von der indigenen Bevölkerung gestaltet wurden oder sich an diese richten, einen breitgefächerten Einblick in die Lebenswelt dieser Menschen geschaffen. Um vielerlei Aspekte geht es auf den rund hundert Plakaten aus den Vereinigten Staaten und Kanada, die aus der Zeit von den siebziger Jahren bis jetzt und überwiegend aus der Sammlung von Christian Feest stammen, der als Professor für die Völkerkunde Nordamerikas an der Goethe-Universität in Frankfurt tätig war.

          Nicht nur erscheinen Bildung und die Pflege der eigenen Sprache als wichtiger Teil der Pflege der Identität für die indigene Bevölkerung. Auch traditionelle Feste wie die Pow-Wows und spezifische Kunst tragen dazu bei, dass sie sich ihrer Herkunft versichern. In den siebziger und achtziger Jahren erstarkt ihr Selbstbewusstsein, wie vielerlei Aufrufe zeigen, sich an die eigenen Traditionen und Stärken zu erinnern.

          Stämme, Gruppen, Menschen

          Den größten indianischen Protest dokumentieren schließlich Plakate von 2016 zu Protesten gegen den Bau der Dakota Access Pipeline: Öl sollte mit der Pipeline von North Dakota nach Illinois geführt werden, und die Bewohner der Standing Rock Indian Reservation standen dagegen auf, weil sie die Verschmutzung des Missouri River fürchteten, der Wasserquelle der Reservation. Immerhin wurde der Bau gestoppt, auch wenn Präsident Trump die Pipeline dann doch fertigstellen ließ.

          Es lässt sich jedenfalls leben zwischen den Kulturen, so vermitteln es die Plakate: In der Red Lake Reservation finden jedes Jahr, wie auch in den meisten anderen Reservationen, Miss-Wahlen statt. Doch werden die Mädchen und Frauen nicht für ihre Schönheit, sondern für ihre Kenntnisse über die eigene Kultur und ihr Engagement bewertet. Männer hingegen finden bei den amerikanischen Streitkräften ein Äquivalent zu ihrer historischen Identität als Krieger. Auf einer Abbildung aus dem Jahr 2002 ist ein Veteran zu sehen, der in Militärkleidung und mit Federschmuck an einem Pow-Wow teilnimmt.

          Eine Reihe bis heute schwieriger Themen, wie sie etwa die Plakate zu Gefahren des Alkohol- und Drogenmissbrauchs oder die Gewalt in Familien zeigen, ergeben sich aus der Geschichte der Kolonialisierung. Bis heute etwa leiden Nachfahren von Menschen, die von ihren Eltern getrennt und ihrer Kultur entrissen wurden, um an Missionsschulen erzogen zu werden. Doch überwiegt am Ende der Eindruck, dass sich die indigene Bevölkerung auch zu wehren versteht. Und dass Stereotype nicht die Wahrheit und Vielfalt des Lebens erfassen: Bei rund 500 indigenen Gruppen in Nordamerika gibt es nicht die Indianer – nur verschiedene Stämme, Gruppen, Menschen.

          Die Ausstellung ist bis zum 1. Dezember im Weltkulturen Museum Frankfurt, Schaumainkai 37, zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr.

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