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Ausstellung : Mädchen in Märchen und Medien

  • -Aktualisiert am

Die Anstrengung vor der inszenierten Schönheit im Rampenlicht ist mit erzählerischem Hintergrund in Szene gesetzt. Die Ausstellung „Zwischen uns beiden“ im Deutschen Filmmuseum.

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          Wenn der renommierte Fotograf und umstrittene Filmregisseur Roger Fritz von seiner Begegnung mit Helga Anders spricht, fällt einem das Sprichwort von der Liebe auf den ersten Blick ein - in diesem Fall ist es wohl die Liebe auf den ersten Fotoblick.

          Der Mann, der wegen einer Reportage für die „Quick“ in Salzburg war, hatte schon das Drehbuch für „Mädchen Mädchen“ fertig und suchte noch ein Gesicht dafür. Helga Scherz, die einst einfach nur anders heißen wollte, war gerade achtzehn, hatte in der Mitte gescheitelte Haare, einen Schmollmund und ein ebenso fixierendes wie fesselndes Augenpaar, und entsprach also im Jahr 1966 dem von Brigitte Bardot geprägten Schönheitsideal.

          In den Medien avancierte die Kindfrau des jungen deutschen Films zur Ikone neben Kolleginnen wie Gila von Weitershausen oder Uschi Glas. In der aktuellen Doppelausstellung „Zwischen uns beiden“ im Deutschen Filmmuseum Frankfurt ist nun auch zu verfolgen, daß manche Schlagzeilenklischees ihre Basis in der Wirklichkeit haben. Anders und Fritz jedenfalls erlebten atemberaubend schnell ihr gemeinsamen Filmdebüt und wurden dann ein Traumpaar, das nach einem Jahr heiratete und sich noch ein Jahr später über die Geburt von Leslie Tatjana freute.

          Im Schatten der Spotlichter

          Die Tochter ist zur Ausstellungseröffnung gekommen, stellt sich vor als Cutterin und Regieassistentin und kündigt eine Dokumentation über ihre vor 20 Jahren gestorbene Mutter an. Achtzehn Jahre alt war sie, als Helga Anders in der öffentlichen Wahrnehmung vom beneideten zum bemitleideten Objekt gefallen war. Es sind nur Bilder und ein paar Zeitungsnotizen, die dieses Drama im Schatten der Spotlichter andeuten.

          Da ist zu lesen von Tabletten und Alkohol, von der Flucht in die Liebe zu Puppen und die Verwirklichung in autobiographischen Kinderbüchern. Zwischen den Zeilen finden sich Hinweise auf Unrast, auf Unzufriedenheit mit ihrer Rolle. Anders, die mit elf im Bielefelder Stadttheater auftrat und zwei Jahre später neben Heinz Rühmann in „Max der Taschendieb“ erstmals vor der Kamera stand, erwies sich bald als Spielernatur, die in ihrem kurzen Leben bis 1986 rund 150 Film- und Fernsehrollen übernahm, die in Harald Vocks „Unser Doktor ist der Beste“ neben Roy Black alberte, aber auch in Johannes Schaafs „Tätowierung“ für erotische Verwirrung bei jugendlichen und reifen Verehrern sorgte.

          Als „kleines Biest, das die Alten durchschaut und mit ihnen spielt“, wurden ihr in der Boulevardpresse zweifelhafte Kränze gewunden. Mit ihr wurden Vorstellungen verbunden, die sie möglicherweise privat nicht abschütteln konnte.

          Dokument eines Lebensgefühls

          Roger Fritz, der 1974 von Helga Anders geschieden wurde, warf man hingegen oberflächliche Darstellungen vor - so in „Mädchen Mädchen“, „Häschen in der Grube“, „Mädchen mit Gewalt“ und „Frankfurt Kaiserstraße“. Der Münchener Schule mit Regisseuren wie Klaus Lemke, Rolf Thome und den Schamoni-Brüdern will er sich beim Gastspiel in Frankfurt allerdings nicht zuordnen lassen, sieht sich mehr als Einzelgänger, der allein in Italien acht Jahre gelebt und gearbeitet hat. Mit der Szene verbindet ihn trotzdem der unkonventionelle Start mit improvisierten Themen, mit geborgter Ausstattung und geschenktem Material.

          Neben „Es“ oder „Der junge Törless“ gehörte „Mädchen Mädchen“ zu den Aushängeschildern eines zeitgemäßen Ausdrucks, heute wirkt die Geschichte von der Ausreißerin zwischen jugendlicher Begierde und alten Besitzansprüchen eher betulich als herausfordernd. Als Dokument eines Lebensgefühls aber scheint es so authentisch wie die Fotos von Roger Fritz - im Filmmuseum gehören die Blicke auf die Stars von Kubitschek bis Schygulla in der Garderobe ebenso dazu wie der Schnappschuß vom verliebten Pärchen unter dem Eisernen Steg.

          Die Anstrengung vor der inszenierten Schönheit im Rampenlicht wie die Entspannung vor der spontanen Versenkung im privaten Winkel sind mit erzählerischem Hintergrund in Szene gesetzt. Fritz, der beim Gastspiel in Frankfurt seine Filme auch als Folge von Fotos definiert, läßt in seinen mal provozierenden, mal romantischen Momentaufnahmen immer auch ein Drehbuch vermuten.

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