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Ausstellung : Kleine Dinge ändern sich

„Die Suppe ist gegessen”: Katerina Sedá in den Räumen des Nassauischen Kunstvereins Bild: Christian Lauer

Die Künstlerin Katerina Sedá bringt in Aktionen die Bewohner ganzer Dörfer zusammen. Der Nassauische Kunstverein Wiesbaden zeigt jetzt Arbeiten der „Follow Fluxus“-Stipendiatin.

          Seit der koreanische Automobilhersteller Hyundai 2008 ein gigantisches Produktionswerk mitten in das tschechische Dorf Noovice gebaut hat, ist nichts mehr, wie es war. Die Straßen enden plötzlich vor einem hohen Erdwall, der wie ein Ring die Anlage umgibt. Die Häuser und Felder im Zentrum des 960-Seelen-Ortes sind verschwunden. Die Bewohner, die sich vorher zu Fuß in wenigen Minuten gegenseitig besuchen konnten, brauchen für den Weg nun eine gute Stunde. Denn sie müssen jetzt das riesige Werk erst umrunden, bevor sie sich sehen.

          Katharina Deschka

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als Kateina edá das Dorf zum ersten Mal besuchte, beobachtete sie eine große Gleichgültigkeit, ja Resignation der Einwohner dieser unschönen Situation gegenüber. „Nedá se svtit“, sagten die Leute schulterzuckend, was wörtlich heißt: „Es ist kein Licht“, und so viel bedeutet wie: „Da kann man nichts mehr machen.“ Dieses tschechische Sprichwort, das sich anscheinend nicht wirklich ins Deutsche übertragen lässt, machte die Künstlerin zum Titel ihrer Ausstellung im Nassauischen Kunstverein (NKV) Wiesbaden: Sie bat eine Reihe von Übersetzern, den Spruch ins Deutsche zu übertragen. Den meisten – aber längst nicht allen – erschien der Satz „Die Suppe ist gegessen“ noch am überzeugendsten.

          „Die Suppe ist gegessen“

          Als Trägerin des Stipendiums „Follow Fluxus“, das jährlich vom Nassauischen Kunstverein und der Stadt Wiesbaden vergeben wird, verbrachte Kateina edá im Sommer drei Monate in der hessischen Landeshauptstadt. Dort entwickelte sie einen neuen Schritt innerhalb ihres vor drei Jahren begonnenen Langzeitprojekts, das sich mit ebenjenem Dorf Noovice und der Situation seiner Bewohner beschäftigt. In diesem jüngsten Arbeitsschritt, dem sie den Titel „Die Suppe ist gegessen“ gab, versucht sie nun sogar, mit Hilfe der Zubereitung von Essen eine Lösung für die Zukunft des Dorfes zu finden: Mit 26 Köchen aus Wiesbaden – diese Anzahl ist der Anzahl der Quellen in der Kurstadt geschuldet – möchte Kateina edá nächstes Frühjahr nach Noovice reisen, damit sie einen Eindruck von der Situation in dem Ort gewinnen. Dann sollen, so plant die Künstlerin, die Köche Speisen entwickeln, die sie so phantasievoll auf dem Teller anrichten, dass sie wie eine Lösung für das klaffende „Loch“ in der Mitte des Dorfes erscheinen – edá hofft sogar, die Gerichte werden Architekten später einmal als Anregung dienen, wenn irgendwann das Automobilwerk schließen wird.

          Was sich theoretisch eher kompliziert anhört, ist praktisch vor allem eins: die Begegnung von Menschen, die sonst wohl kaum etwas miteinander zu tun hätten. Immer wieder organisiert die 1977 in Brno geborene Künstlerin, die in Prag an der Akademie der bildenden Künste studierte und bereits etwa auf der documenta 12 oder der Berlin Biennale ausstellte, solche großangelegten Treffen, für die sie zum Teil die Bewohner ganzer Dörfer aktiviert. In dem Dorf Pontovice, einem 300-Einwohner-Ort fernab von Prag, brachte sie mit ihrer Aktion „There is nothing“ (2003) für einen Tag – und vielleicht darüber hinaus – die Bewohner zusammen. Sie entwickelte mit ihnen eine Liste ihrer üblichen Tätigkeiten am Samstag, die sie nun, statt zu verschiedenen Zeiten, ausnahmsweise alle gemeinsam ausübten, wie einkaufen gehen, die Straße fegen, kochen oder aus dem Fenster schauen.

          „Kleine Dinge änderten sich“

          In ihrem Heimatort Brno-Líše störte sie sich an den vielen hohen Umzäunungen, die dort mittlerweile die Grundstücke abgrenzen. Für die 5. Berlin Biennale konnte sie 40 Nachbarn dazu gewinnen, mitsamt einiger Teile ihrer Zäune nach Deutschland zu fliegen und dort in der Ausstellung mit Leitern und Schemeln auszuprobieren, wie schwer sie zu überwinden sind. Tatsächlich haben einige nach dieser Erfahrung ihre Zäune abgerissen oder verkleinert. „Kleine Dinge änderten sich“, freut sich Kateina edá. Und das ist es ja auch, worum es ihr geht: Sie arbeite nicht für Museen, sondern für die Menschen, sagt sie. „Meine Arbeit ist nicht Kunst. Ich möchte echte Veränderungen im Leben hervorrufen.“ Deswegen arbeitet sie auch ständig an ihrem Projekt zu Noovice weiter. Allein in der Wiesbadener Schau soll ihre Installation im Laufe des nächsten Jahres viermal geändert werden, sagt die Künstlerin. Sie habe sich geschworen weiterzumachen, bis das Automobilwerk aus dem Dorf verschwunden sei.

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