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Ausstellung in Wiesbaden : Auf der Datenautobahn

Eingängig: Eva & Franco Mattes, Nostalgia, May 3, 2021 Bild: Janine Drewes

Was gibt ein Bild von uns preis, wenn wir ein Selfie machen, ein Foto hochladen oder es weiterleiten? Wie prägt das Motiv Macht das Internet und die Architektur? Zwei Ausstellungen im Nassauischen Kunstverein zeigen es.

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          Diesen Text hätten wir besser nie geschrieben. Und Sie, verehrte Abonnenten, sollten sich überlegen, ob Sie ihn nicht lieber ausschließlich in der gedruckten Zeitung lesen wollen. In einem analogen Medium statt auf dem Tablet, dem Smartphone oder dem Computer. Nicht dass hier geheime Botschaften enthalten wären, jemand mitliest, was Sie mögen oder nicht, oder gar, dass wir etwas zu verbergen hätten. Doch nach dem Besuch dieser Ausstellung beginnt man ernsthaft zu überlegen, ob das wirklich alles sein muss: all die Fotos, Status-Updates und Katzenvideos, die wir täglich posten, ansehen oder teilen, die Wikipedia-Suche und Google Maps.

          Christoph Schütte
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Überhaupt schaltete man das eigene Handy bis auf Weiteres lieber ab. Nicht dass Eva & Franco Mattes wirklich sensationell Neues zu verkünden hätten. Im Gegenteil, es ist noch deutlich schlimmer. Das meiste weiß man längst oder könnte es zumindest wissen. Doch „Human-in-the-Loop“, so der Titel der Ausstellung, die als Partnerprojekt der vierten Triennale Ray Fotografieprojekte im Nassauischen Kunstverein eingerichtet wurde, macht sich und uns ein Bild davon.

          Dabei geht es hier zunächst weniger um Fotografie als künstlerisches Medium als um die Frage, was wir mit all den Bildern machen. Was es von uns preisgibt, wenn wir ein Selfie machen, ein Foto hochladen oder weiterleiten. Mit einem Mal wird, was bislang als Protokoll, als Datenstrom oder -transfer, Datenklau und -missbrauch abstrakt schien, auf beklemmende Weise konkret. Das gilt für Arbeiten wie „Hannah uncut“, das in einer Art Diashow nichts zeigt als die 1276 Fotos und Videos vom Telefon einer jungen Frau, der die Künstler ihr Handy samt den Rechten an den Inhalten abgekauft haben, genau wie für „Personal Photographs“.

          Ein verblüffend detailliertes Bild

          Von den privaten Bilddateien des italienischen, in New York lebenden Duos Eva & Franco Mattes, um die es sich hier handelt, sieht man zunächst einmal nicht viel. Bis auf die labyrinthisch durch den Raum mäandernde Datenautobahn aus Kabeltrassen, auf der zwei Festplatten unentwegt die Bilddateien der Künstler auf einen Skulptur gewordenen Rundkurs schicken. Das ist alles, und, so möchte man meinen, als Bild reichlich redundant. Mehr noch: Solange man nichts davon sieht, ist es schließlich auch nicht wirklich relevant. Oder? Bis „My little big data“ noch den naivsten unter den Besuchern eines Besseren belehrt. Haben die Künstler für das 24 Minuten lange Video doch ihren Browserverlauf und den gesamten Mail-Verkehr der vergangenen Jahre einem Datenanalysten überlassen, der auf Basis des im Grunde völlig harmlosen Materials eine Art Porträt der beiden Künstler generiert.

          Er entwirft ein so verblüffend detailliertes Bild, wie es Algorithmen unbemerkt vom Nutzer längst tun, um die weitere Entwicklung unseres Profils noch ein wenig aufmerksamer zu begleiten. Zu gerne würde man das Zukunftsmusik nennen. Nur ist es – „My little big data“ ist von 2019 – womöglich längst überholt.

          Es geht um Macht

          Das Smartphone jedenfalls mag man nicht mehr angeschaltet lassen, aber man braucht es auch nicht, um „The Hymns of Muscovy“ zu sehen, jene Videoarbeit Dimitri Venkovs, die parallel zu „Human-in-the-Loop“ im Nassauischen Kunstverein gezeigt wird und die man ebenfalls Science-Fiction nennen möchte.

          Im Grunde ist aber das Gegenteil der Fall. Der Flug der Kamera mag den Betrachter spektakulär durch Moskau führen, entlang von sozialistischem Klassizismus, Brutalismus und den kühlen Glasfassaden der Gegenwart durch die jüngere, sich in der Architektur manifestierende Geschichte Russlands seit der Oktoberrevolution. So also sieht gesellschaftlicher Fortschritt aus, mag man da bei sich denken. Doch was sich wandelt, ist zu allererst der Stil, was wechselt, allenfalls der Bauherr der exemplarisch für eine ganze Epoche stehenden Gebäude. Am Ende, scheint es, geht es hier wie dort allein um Macht. Und nie ist in den „Hymns of Muscovy“ auch nur ein Mensch zu sehen.

          Die Ausstellungen im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden, Wilhelmstraße 15, sind bis 8. August dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr sowie am Wochenende von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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