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Ausstellung: Fotografien Liselotte Strelows : Das Aroma der Nachkriegsjahre

Zeitzeugnis: Lieselotte Strelows Aufnahme von Gustaf Gründgens als Mephisto Bild: picture-alliance / dpa

Gründgens als Mephisto, Bundespräsident Theodor Heuss im Profil, Marlene Dietrich, die Stirn leicht gekräuselt - die Bilder sind bekannt, ihre Urheberin ist fast vergessen. Jetzt zeigt das Historische Museum Frankfurt die Fotografien Liselotte Strelows.

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          „Gustaf Gründgens als er selbst“ steht unter dem Porträt von 1947. Vermutlich hat Liselotte Strelow es selbst so genannt, denn die mehr als 200 hochglänzenden Baryt-Abzüge der Fotografin, die nun im Historischen Museum Frankfurt zu sehen sind, hat sie alle eigenhändig angefertigt, gestempelt und archiviert. Stammt der Titel von ihr, dürfte sie gegrinst haben.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn wenn es, wie Strelow einmal formulierte, für alle Schauspieler gilt, dass sie in ihren Rollen stets mehr bei sich sind als wenn sie versuchen, vor der Kamera sich selbst zu spielen, war Gustaf Gründgens sicherlich das größte Chamäleon, das sie je fotografiert hat. Und sie hat ihn oft fotografiert, von 1942 an, noch in Berlin, bis in die späten fünfziger Jahre. Der echte Gründgens lugt hinter der Schminke des Mephisto, aus dem soignierten Dandy-Gesicht der „Cocktailparty“ oder aus dem schmachtenden Blick des Hamlet viel eher hervor als aus jener hornbebrillten Nahaufnahme, die Liselotte Strelow von ihm gemacht hat, als er, frisch berufen, in seiner Heimatstadt Düsseldorf Generalintendant wurde und viele Hauptrollen übernahm.

          Als Porträtistin war Strelow lange Jahre die Nummer eins

          So könnte die Aufnahme denn auch heißen: „Der Schauspieler-Intendant inszeniert sich selbst als bescheidener Intellektueller“. Der gewählte Titel, „Gustav Gründgens als er selbst“, ist natürlich weitaus klüger. An Klugheit, das zeigt die großzügige Schau, die das Historische Museum vom Rheinischen Landesmuseum Bonn übernommen hat, aber mit einer anderen Hängung neu akzentuiert, fehlte es Strelow nicht. Auch nicht am Talent, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Wäre die 1908 geborene Tochter pommerscher Landwirte eine Fotografin dessen gewesen, was sie „Schnappschüsse“ nannte, eine Journalistin, interessiert an Aktualität und Ereignissen, ihre beschwerlichen Reisen durch das Westdeutschland der Nachkriegszeit würden nicht weiter verwundern.

          Aber im Gegensatz zu ihrer Schöpferin sind die von ihr autorisierten und archivierten Fotografien, die nun in Frankfurt zu sehen sind, so gut wie nie in Bewegung. Als Porträtistin ist Strelow lange Jahre die Nummer eins in Deutschland gewesen, mit Bildern, die zum Teil bis heute in unseren Köpfen sind. Gründgens als Mephisto, Bundespräsident Theodor Heuss im Profil, als Briefmarke einst millionenfach unters Volk gebracht, der junge Beuys, mit großen Augen, Marlene Dietrich, die Stirn in leise Falten gekräuselt – die Bilder sind bekannt, ihre Urheberin, die 1981 starb, ist fast vergessen.

          Die Intensität der Fotografien speist sich aus der kompletten Reduktion – kaum je ist ein Hintergrund zu sehen, fast nie ein charakterisierendes Utensil, ein Attribut. Strelow suchte, wie sie es nannte, die „Ähnlichkeit“ der Person, der Persönlichkeit, mit sich selbst. „Das manipulierte Menschengesicht oder Die Kunst, fotogen zu sein“, hieß ihr Lehrbuch von 1961, in einer Fernsehserie des WDR fragte sie 1963 bis 1965 hochdidaktisch „Sagt die Fotografie die Wahrheit?“

          Ästhetik der vierziger bis sechziger Jahre

          Um an die Substanz einer Person, wie sie ihr vorschwebte, zu kommen, arbeitete Strelow mit einem fotografischen Wahrheitsbegriff. Wer genau hinsieht, kann schon auf den Abzügen der Schau, noch deutlicher aber im hervorragenden Katalog sehen, dass sie bei der Suche nach dem bestmöglichen Bild zur Meisterin der Retusche geworden ist. Sowohl im Negativ als auch auf dem Positiv hat sie eingegriffen.

          Ihr Handwerk hat sie in den dreißiger Jahren unter anderem bei Kodak von der Pike auf gelernt. Von Pommern über Detmold nach Düsseldorf führte der Weg Strelows, die sich in den dreißiger, vierziger Jahren in Berlin am Kurfürstendamm einen Namen gemacht hatte und nach dem Krieg mit einer Kamera und zwei Lampen von vorn anfing. Gelebt hat sie von Werbung und den Porträts begüterter Privatkunden.

          Es gehörte bald zum guten Ton, sich von der resoluten, wenngleich zierlichen Dame fotografieren zu lassen, die eine emanzipierte Frau avant la lettre war: engagiert, professionell, selbständig in jeder Hinsicht. Die privaten Bilder sind in der Schau nicht zu sehen. Gezeigt werden jene Fotografien, die Strelow auf eigene Faust machte und oft an Zeitungen und Zeitschriften verkaufte.

          Das „Aroma“ der Zeit fingen diese Porträts ein, schreibt Klaus Honnef, Kurator der Bonner Schau. Vermutlich gerade, weil ihre von den Fotografen der Moderne inspirierte Ästhetik sich von den vierziger bis in die sechziger Jahre kaum verändert hat. Im Historischen Museum hängen die Bilder jener Architekten, Publizisten, Politiker und Künstler, die an eine durch die Nazis unterbrochene Karriere anknüpften, neben jenen, die immer da waren und deshalb vielen suspekt. Brüche aber zeigen sich allenfalls in den Gesichtern und Haltungen der Porträtierten, denen Strelow, mit ihren eigenen subjektiven Mitteln, Geltung zu verschaffen sucht.

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