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Ausstellung: Ernst Wilhelm Nay : Jenseits der Welt und doch ganz von dieser

Die Freiheit als höchstes Gut, der Künstler als ihr Sachwalter: In der Frankfurter Schirn Kunsthalle wird jetzt das Spätwerk von Ernst Wilhelm Nay ausgestellt.

          3 Min.

          Die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts übte sich in der großen Verneinung. In ihren Traktaten und Manifesten wusste sie ziemlich genau, was sie nicht sein wollte, was sie negierte, was sie ablehnte, von sich wies, verabscheute. Die Maler schleuderten der Tradition ein kräftiges „Nein“ entgegen. Nicht mimetisch, nicht repräsentativ, nicht gegenständlich sollte fortan ein Gemälde sein, aber auch nicht mythologisch, nicht historisch, nicht auf gegenwärtige Zufälligkeiten bezogen, kurzum: nicht an der sogenannten Wirklichkeit, also der wahrnehmbaren Welt, interessiert.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein pessimistisch grundierter Manichäismus prägte weithin Stile und Positionen. Verderbt war, folgt man den Thesen und Theorien seit Kandinsky, Malewitsch, Mondrian und dann besonders denen von Ad Reinhardt, Barnett Newman oder Mark Rothko, das Alltägliche, das Sichtbare, das Augenscheinliche, die sinnlich erfassbare Realität. Die Kunst dagegen wurde als Sphäre der Reinheit imaginiert, als Hort unverbrüchlicher Wahrheit, als Gegenwelt zur industriellen, politischen, sozialen Moderne. Der Entzauberung der Welt folgte die Wiederverzauberung der Kunst: Nur hier, so die Mär, gibt es einen privilegierten Zugang zu einer höheren Erkenntnis. Über allem aber ragte steil die Idee der Freiheit auf.

          Rekonstruktion eines Raums der „documenta III“

          Das Œuvre von Ernst Wilhelm Nay gehört in den Zusammenhang jener künstlerischen Äußerungen, die auf der Autonomie des Künstlers bestanden und in ihm einen Mittler sahen zwischen einem Wissen, das sich nur den empfänglichsten Naturen mitteilt, und einem Publikum, das, von weltlichen Dingen ums Wesentliche gebracht, allein im Kunstgenuss der Eigentlichkeit teilhaftig wurde. „Ohne Transzendenz, ohne Materialismus“ sollte, wie Nay 1967 formulierte, die Malerei vorgehen, und früher schon lehnte er etwa „Illusion“ oder „Geometrie“ ab – die konkrete Kunst war für ihn ein Irrweg. „Bilder kommen aus Bildern“ ist ein weiteres Zitat, das die Auffassung auch dieses Künstlers belegt, mit der Malerei weltjenseitige Werke zu schaffen, ideale Objekte gleichsam, die nichts zu tun haben mit den Gegenständen, wie wir sie Tag für Tag benutzen.

          Die areligiöse Kunstreligion nach 1945, die wesentlich befördert wurde durch die amerikanische, der Idee des absoluten Neuanfangs verpflichtete Abstraktion, fand in Nays Werk eine auf die Harmonie der Farben zielende Variante. In der Frankfurter Schirn Kunsthalle ist von nun an eine Ausstellung zu sehen, die sich ganz auf das Spätwerk des 1902 in Berlin geborenen, 1968 in Köln gestorbenen Malers konzentriert. Die Schau „E.W. Nay. Bilder der 1960er Jahre“ wartet unter anderem mit der Rekonstruktion eines Raums auf der „documenta III“ in Kassel 1964 auf. Drei großformatige Leinwände hingen damals und hängen heute jeweils in spitzem Winkel von der Decke. So kreieren sie einen gleichsam sakralen Kunstraum, einen Andachtsort, einen Bühnenhimmel für den Gott der Farbe.

          Es war gar nicht Nays Wunsch, seine Arbeiten derart zu plazieren, vielmehr hat „documenta“-Leiter Arnold Bode diese Inszenierung gewählt. Sie war Gegenstand einer heftigen Auseinandersetzung, in deren Verlauf Nay nicht viel anderes vorgeworfen wurde, als sich die abstrakten Künstler von Anfang an anhören mussten – Abstraktion bedeute bloße Dekoration, sei unverbindlich, inhaltsleer, nichtssagend und dergleichen mehr. Dabei fand Nay gerade mit seinen „Augenbildern“ bei den Kunstinteressierten viel Resonanz. Auch auf den drei Großformaten aus der Weltkunstausstellung in Kassel dominieren mandelförmige und pupillenartige Gebilde.

          Anspruch auf Reinheit

          Nays Ästhetik der fünfziger Jahre, die sich im Spätwerk aus den Sechzigern verdichtet, in einer reduzierten Fassung erscheint und eine eigentümlich poetische Balance gewinnt, wirkt im Rückblick freilich nicht so ungebunden und losgelöst, so unabhängig und von der Welt unbelastet, wie es die Absicht des Künstlers gewesen sein mag. Gewiss hat er auch das – bessere – Design jener Jahre beeinflusst, mitbestimmt. Und ist andererseits von seiner Umwelt angeregt worden: Die freien floralen Formen wie die leuchtenden, kräftigen, strahlenden Farben finden sich auf etlichen Gebrauchsobjekten aus Wirtschaftswunderdeutschland wieder. So besehen ist Nay natürlich bei aller Beschwörung des Überzeitlichen, Wesentlichen, der reinen Form und vor allem der reinen Farbe ein Künstler seiner Zeit.

          Aber die gängige Aburteilung der Abstraktion als Flucht aus den Inhalten und Hinwendung zum dekorativen Ornament trifft ihn noch weitaus weniger als andere. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ gebrandmarkt, eröffnete er der Kunst ein Refugium, das sich eben nicht vordergründig politisch vereinnahmen lässt. Dass er, durchgängig in Analogie zur Musik, Harmonie, Rhythmus, Melodien erzeugte, verleiht seinem Werk eine Eleganz, die bei genauerem Hinsehen das, auch dies ein seinerzeit gern benutztes Wort, „Ringen“ des Künstlers um den richtigen Ausdruck nicht überdeckt.

          Nay hat immer wieder neue Anläufe genommen. Mehrere Schaffensphasen lassen sich klar unterscheiden. In seiner letzten überrascht die Nähe zu Matisse. Farbflächen werden plakativ gegeneinandergesetzt. Fließende, aber klar abgegrenzte Formen fügen sich zu flächigen Kompositionen. Nays späte Arbeiten verblüffen auch mit der puren Schönheit der Kontraste. Die Kunst wird Klang. Von der Kraftlosigkeit jedenfalls, die man gegenstandslosen Positionen gerne attestiert, sind die in der Schirn gezeigten Arbeiten weit entfernt. Vielmehr übt der Anspruch auf Reinheit, der sich einem hier vermittelt, eine Faszination aus, die keine Kunstmarktkunst der Gegenwart zu bieten vermag. Aus der umfassenden Verweigerung fließt gelegentlich eine Kunst von bezwingender Anmut. Hier darf man sie bestaunen.

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